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Das Falsche vs. das Falsche … oder: Was tun?! Eine Einleitung in diese Ausgabe

Wann hören die schrecklichen Nachrichten endlich wieder auf? Warum werden halbwegs tolerante Positionen so massiv angegriffen, dass man es kaum mehr schafft, die wirklich menschenfreundlichen in die Diskussion einzubringen? Wir leben in hässlichen Zeiten. Extrem rechte Parteien sitzen im deutschsprachigen Raum in allen Parlamenten – oder sogar in der Regierung. Angriffe gegen Refugees geschehen so häufig, dass sie es selten mehr in die Nachrichten schaffen und selbst im ach so liberalen Berlin gibt es Gewalttaten gegen Menschen mit Kippa, Kopftuch oder gegen Transpersonen auf offener Straße. 88 Prozent der deutschen Bevölkerung wollen, dass sich Geflüchtete mehr „in unsere Kultur integrieren“, wobei Integration heute nichts anderes heißt als Drangsalierung und Menschenmaterial sortieren. Schauen wir über Kaltland hinaus, sieht es leider nicht besser aus: rechtsradikale Parteien gewinnen überall an Einfluss, faschistische Gruppen an Präsenz und autoritäre Staatsoberhäupter mit offenkundig rassistischen, sexistischen und anders gewaltvollen Positionen lassen sich in fast jeder Region als Erlöser der Nation feiern.

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„Die gefährlichste Gang der Stadt ist die Antifa“

So hyperventilierte einst Heinz Buschkowsky als rechts-konservativer SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln. Hatte er damit ausnahmsweise mal Recht? Geht so. Denn tatsächlich gibt es „die“ Antifa genauso wenig als einheitliche Gruppe oder Bewegung wie „den“ schwarzen Block. Eine Straßengang ist sie auch nicht. Die Antifaschistische Aktion ist vielmehr ein vielseitiger politischer Kampf gegen die Faschist*innen in den letzten 90 Jahren – inklusive Diskussionen um die richtige Kritik, um Strategien und Konzepte.

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(Bild: SMAC-Film)

„Wo bleibt die RAF, wenn man sie braucht?“ Martin Sonneborn schaltet sich im SaZ-Interview in Merkel-Nachfolgedebatte ein

(Bild: SMAC-Film)

Ein Gespräch mit dem Satiriker Martin Sonneborn (Die Partei, MdEP, Herausgeber Titanic)

(Vorabdruck aus der Straßen aus Zucker #14, hier zur gesamten Ausgabe als pdf)

Herr Sonneborn, wir sind kritisch, haben aber auch ein paar harmlose Fragen mittendrin eingebaut, quasi als Wohlfühlinseln. Und steigen mal mit einer Schmeichelei ein: Wir nehmen die „Partei“ als einen zentralen antifaschistischen Akteur wahr, ihre Plakate beziehen oft klar Stellung. Und wenn man sich den Erfolg anderer Satireparteien in Europa anschaut, gibt es ja auch gute Gründe, den Platz links zu besetzen. Aber müsste man, wenn es gegen die Faschisierung geht, nicht zu stärkeren Mitteln als Klamauk und Satire greifen?

Doch, natürlich. Aber wird das mit den Wohlfühlinseln auch gedruckt?

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Wir und dieser Blog

Hallo Ihr Lieben,
während der Ausgaben sind wir meistens vorrangig bei Facebook aktiv. Das heißt, dieser Blog hat manchmal dann auch ein Monat oder so keinen neuen Text. Aber bald kommt auch die neue Ausgabe.
Herzlich, Eure SaZ

„Der springende Punkt beim sogenannten ‚Degrowth‘ ist ja gerade, dass es nicht nur darum geht, mehr bio und fair zu kaufen.“

Über Degrowth

Hallo SaZ-Team,

ich habe in der aktuellen taz.am wochenende die neue SaZ gefunden und gelesen. Ich finde sie eine gute Sache! Es ist wichtig, über ganz andere Wirtschaftskonzepte nachzudenken und es ist schade, dass Blätter wie eures, die das tun, so sehr schmal vertreten sind und kaum Beachtung finden (stattdessen lieber tagesthemen und F.A.Z.). Bei aller Liebe muss ich aber sagen, dass mir oben genannter Artikel ganz schön aufgestoßen ist. Ihr beschreibt Degrowth und das BGE dort wirklich viel zu einseitig, viel zu gefärbt und viel zu unumfassend. Ja, es stimmt, so viel Platz ist in der dünnen Zeitung nicht, da muss man komprimieren; aber das ist kein Grund, ganze zu einem Thema gehörenden Aspekte vollständig zu vernachlässigen, um für die eigene Sache zu werben.

Denn v. a. Degrowth hat enorm viel Potential aus unserer ausbeuterischen, absurden Weltwirtschaft eine zukunftsfähige zu machen. Es ist nicht wahr, dass es hierbei einzig darum geht, „Wachstum“ für böse zu erklären und ein mit der menschlichen Natur nicht vereinbares Nur-Mittel-kapitalistisches System aufzubauen. Aber so klingt es bei euch.

Es haben viele Menschen, viele, die sich jahrzehntelang mit umwelt-, sozial- und wirtschaftspolitischen Thematiken befasst haben, dicke Bücher über ihre Idee für nachhaltiges Wirtschaften geschrieben. Zum Beispiel haben Niko Peach, Harald Welzer, Franz-Josef Radermacher, Mathias Weik, Mark Friedrich, Redakteur*innen der Monde diplomatique, Bonita Matofska, Felix Finkbeiner und und und solche veröffentlicht, Aktionen gestartet und alternative Konzepte entwickelt. All diese Ideen werden landläufig mit einem einzigen Begriff handhabbar gemacht, obschon er wirklich unzureichend beschreibt, was tatsächlich dahinter steckt. Dieser Begriff „Degrowth“ verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen, weil er sie auf einen einzigen Aspekt reduziert.

In Wirklichkeit aber geht es um so viel mehr. Es wird in diesem Zusammenhang über die Natur des Menschen philosphiert, über Ökologie, über Kommunismus und Kapitalismus, über Kooperation, Regionalwährungen, Guerilla Gardening, Bildung, Demokratie, Pazifismus. Kurz: Mit der Entwicklung eines neuen Wirtschaftskonzeptes geht auch hier ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel einher – oder andersherum. Viele Ideen sind kommunistisch inspiriert; schon mal von der Sharing Economy gehört?

Der springende Punkt beim sogenannten „Degrowth“ ist ja gerade, dass es nicht nur darum geht, mehr bio und fair zu kaufen, was – wir ihr ja richtig feststellt – völlig unnachhaltig ist, weil nicht realisierbar außer für eine finanzielle Elite. Aber so stellt ihr das dar. Das finde ich enttäuschend, weil gerade euch müsste doch so etwas interessieren. Das ist doch ein Teil der friedlichen, Schritt-für-Schritt-Revolution, die Idealist*innen sich wünschen. Zu diesen zähle ich mich, zu diesen ich euch zähle (so wenig ich über euch als Personen weiß). Wenn ihr schon kritisiert, dann informiert
euch doch bitte im Vorhinein so gründlich wie ihr das bei anderen Themen auch tut.

Viele Grüße!

L, taz- und SaZ-Leserin

Liebe SaZ-Redaktion,

Die Beilage der taz dieses Jahr war sehr interessant zu lesen. Aber eine Sache hat mich doch sehr gestört, nämlich die Kritik am Degrowth. Ich hatte leider nicht das Gefühl, dass der Ansatz richtig wiedergegeben oder von euch tatsächlich verstanden wurde. Erst wenn man sich einen Ansatz tatsächlich vor Augen geführt hat, sollte man ihn kritisieren (dieser Hinweis darf gerne an eure Kollegen von translib weitergeleitet werden). Natürlich ist es auf einer Seite nur schwer möglich, aber doch trotzdem hat sich bemerkbar gemacht, dass der Ansatz nur oberflächlich verstanden wurde. Leider ist die Kritik dadurch sehr pauschalisierend ausgefallen. Erst einmal empfehle ich zum Verständnis des Ansatzes folgende Literatur:

  • „Wohlstand ohne Wachstum“ von Tim Jackson
  • „Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn“ von Serge Latouche
  • „Befreiung vom Überfluss“ von Niko Paech

Jackson geht eher auf wissenschaftliche und vor allem makroökonomische Grundlagen ein(er ist kein direkter Anhänger der Degrowth-Bewegung). Paech und Latouche beziehen deutlich Stellung und vertreten eine bestimmte, wenn auch wissenschaftlich begründete Position. Paechs letztes Kapitel enthält auch eine vergleichsweise gute Skizze, wie eine Postwachstumsökonomie aussehen könnte. Vor allem dieser orientiert werde ich jetzt mal einige eurer Aussagen korrigieren und ergänzen.

Wachstum sagt sehr wohl etwas über die Hohe von CO²-Werten aus. Paech geht übrigens von einem direkten Zusammenhang zwischen
CO²-Ausstoß und Wirtschaftswachstum aus. Kurz: Wachstum und
CO²-Ausstoß lassen sich nicht bzw. kaum voneinander entkoppeln.
Dafür sprechen auch Statistiken, denn in Wirtschaftskrisen sinkt der
CO²-Ausstoß. Auch geplante Obsoleszenz (wie bei den Kopfhörern)
soll vermieden werden, in dem Prosumenten (=Konsument, der an der
Produktion des Gutes teilhat) wie Unternehmen ihr Verhalten ändern
und dies kann z.B. mit Steuern und Gesetzen flankiert werden. Deshalb
ist sind Degrowth-Befürworter aber noch keine BIP-Fetischisten, die
alles andere ausblenden und es gibt eben auch wissenschaftliche,
differenzierte Blickwinkel auf Wachstum. Es werden in diesem Rahmen
übrigens auch andere Indikatoren als das BIP vorgeschlagen, in denen Wirtschaftswachstum teilweise gar keine Rolle mehr spielt, wie z.B. das Bruttonationalglück.

„Profit ist okay, Profitgier ist nicht okay!“…diese plakative Ausformulierung ist schlichtweg falsch. Paechs Ansatz will Profitstreben möglichst vermeiden, soll heißen: Der Tante-Emma-Laden, der sich und seine Mitarbeiter durch den Verkauf selbst finanziert (sozusagen zum „Selbstkostenpreis“ ), ist wünschenswerter als der riesige Supermarkt, der Gewinn machen will. Denn Gewinnstreben ist eine entscheidende Ursache für Wachstum. Also eher: Profit nur, wenn nicht anders möglich (also wenn die Nachfrage nicht ohne Geld befriedigt werden kann, was insbesondere auf reine Importgüter wie Bananen zutreffen dürfte).

Es geht auch nicht einfach nur um Bedürfnisbeschränkung. Es geht erstens darum, Bedürfnisse nachhaltiger zu erfüllen. Das bedeutet, vor allem lokale und regionale Märkte. In dem ich mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV einkaufen fahre, statt mit dem Auto. Oder in dem ich regionale Äpfel kaufe, anstatt welche aus Neuseeland. Oder in dem ich nur eine statt drei Bananen pro Woche esse. Deshalb muss ich aber nicht auf das Auto, den Apfel oder die Banane verzichten. Erst recht nicht zwangsweise, durch den Staat verordnet. So etwas wie Fleischverbot der UN will dieser Ansatz gerade vermeiden!

Dazu gehört außerdem auch eine wichtige konsumkritische Komponente: Weniger Konsum macht ab einem bestimmten Level glücklicher als mehr Konsum. Das heißt, freiwilliger Verzicht kann einen Vorteil haben. Es ist logisch, dass die, die weniger haben, auf weniger zu verzichten brauchen. Und es ist eine souveräne Entscheidung, worauf man verzichtet. Heute unterliegt das leider häufig gesellschaftlichen Zwängen (Kinder brauchen für die Schule einen Computer, Hartz-IV-Sanktionen etc.). Außerdem gilt der Grundsatz: Gar kein Konsum ist besser als Fairtrad-Öko-Whatever-Konsum. Beispiel Smartphone: Zunächst sollten möglichst alle bisherigen Handys möglichst lange genutzt und repariert werden. Sollte das nicht mehr möglich sein, müssen diese recyclet oder upcyclet werden. Erst dann kommen neue Handys ins Spiel, die möglichst langlebig sein sollten und natürlich auch unter fairen sozialen Bedingungen hergestellt werden sollten (letzter Punkt ist nicht direkt Bestandteil des Ansatzes, aber liegt denke ich im Interesse des Gemeinwohls, das der Ansatz stärken will). Diese sollen dann natürlich auch möglichst lange genutzt und repariert werden
(modulare Bauweise usw.). Gebrauchtes zu nutzen und möglichst regional und ohne Kostenaufwand reparieren zu lassen hat immer Vorrang vor einem Neukauf, wie öko und fair das Produkt auch sein mag. Oder anders ausgedrückt: Der beste Flug ist der, der nicht stattfindet bzw. stattfinden muss.

Degrowth bezieht sich nur auf Industriegesellschaften, d.h. Deutschland, USA, Frankreich usw. Das heißt, Menschen in Entwicklungsländern sollen nicht den Gürtel gar nicht enger schnallen müssen, sondern ihnen soll eine eigenständige Entwicklung ermöglicht werden, ohne eine komplette Besiedelung mit Starbucks und McDonalds. Dort sind ohnehin Strukturen noch mehr auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet, und genau zu dieser will die Postwachstumsökonomie zurück (wenn auch nicht vollkommen). Deshalb müssen die Bewohner nicht viel ändern, sondern die Industriestaaten: sie sollen schlichtweg nicht Gleichmacherei befördern.

Arbeitszeitverkürzung kann das Wachstum sehr wohl reduzieren. Der Ansatz möchte nicht die Produktivität erhöhen, sondern senken. Es soll weniger produziert werden, deshalb wird weniger Produktivität genötigt. Doch Produktion verbraucht stets Material und Ressourcen. Und „höhere“ Technologien verbrauchen mehr Ressourcen als „niedrigere“. Deshalb werden „mittlere/konvivale“ Technologien vorgeschlagen, die menschliche Arbeitskraft vermehren und trotzdem noch körperliche Betätigung erfordern. Beispiele dafür sind z.B. das Fahrrad oder mechanische Bohrer. Es wird weniger Arbeitszeit nötig, weil mehr Zeit unter Eigenregie verwendet wird, z.B. durch Hilfeleistungen unter Nachbarn (solche Ideen finden sich z.B. in Repair-Cafes wieder). Und es wird auch mehr Zeit frei dafür, selbst zu kochen, Zeit mit Freunden zu verbringen usw., was die Zufriedenheit erhöhen dürfte. Zentral ist also eine Idee der Souveränität bzw. Autonomie und der Selbstständigkeit. Allein dadurch wird schon Wachstum vermieden, da man weniger von „Fremdwirtschaft“ abhängig ist.

Degrowth ist durchaus kapitalismuskritisch und Paech möchte mit seinem Ansatz den Kapitalismus auch deutlich einschränken. Nur globaler Handel soll weiterhin ähnlich ablaufen und dieser soll auf ein notwendiges Minimumzurückgefahren werden. Ansonsten haben vor allem Subsistenzwirtschaft und Regionalwirtschaft unter Flankierung einer Regionalwährung Vorrang. Dazu gehört im Übrigen auch eine demokratische Beteiligung in den einzelnen Kommunen, Regionen etc. (die auch ohne staatliche Stukturen bestehen könnten) und damit eine Gemeinwohlorientierung, die soziale, ökologische, kulturelle und weitere Faktoren miteinbezieht. Ist das etwa nicht die solidarische Wirtschaftsweise, die auch ihr fordert? Ihr scheint einer sehr einfachen reductio ad absurdum nachzugeben: Alles was kein Kommunismus ist, ist Kapitalismus und damit verwerflich. Doch globaler Handel ist ohne Marktwirtschaft kaum möglich. Deshalb ist nicht gleich das gesamte Wirtschaftssystem kapitalistisch durchzogen. Oder könnt ihr mir erklären, wie sonst die Nachfrage nach Bananen oder deutschen Autos sozial und ökologisch verträglich befriedigt werden soll?

Euer Wachstumsbegriff scheint nicht ökonomischer Natur zu sein. Doch genau darum geht es bei Paech. Mehr Wachstum im Bereich Pflege bedeutet nicht unbedingt, dass dort die Qualität der Pflege und die Zufriedenheit steigt, sondern lediglich, dass mehr Ressourcen eingesetzt werden und Profit abgeschöpft wird. Diese Faktoren sind erst einmal unabhängig vom Wirtschaftswachstum. Doch eine Orientierung daran wirkt sich wohl eher kontraproduktiv auf die Qualität aus. Das kann sich in einer immer feineren Arbeitsteilung, Automatisierung, immer höhere Produktivitätsansprüche, Bürokratisierung und „Managementiisierung“ (so nenn ich das selbst) usw. äußern. Einer Ökonomiisierung entgegenzuwirken, trägt auch zur Wachstumsrücknahme bei. Abgesehen davon, dürfen einige Bereiche durchaus wachsen. Entwicklungsländer dürfen einen gewissen Lebensstandard erreichen. Und auch ein Bereich wie Erneuerbare Energien wird wachsen. Allerdings nur kurzfristig, weil wenig Instandhaltung gerade bei Solarenergie notwendig ist, sagt Paech. Und auch dieser Bereich sollte auf das Nötigste reduziert werden, denn
damit sind später auch Entsorgungskosten usw. verbunden. Letztendlich soll gesamtwirtschaftlich kein Wachstum mehr entstehen. Deshalb sollen
immer dort, wo Rohstoffe entnommen werden, mindestens im selben Maße Rohstoffe zurück in die Natur gegeben werden, sozusagen ein materielles Nullsummenspiel.

Die Postwachstumsökonomie ist ein Bruch mit dem Kapitalismus. Doch es läuft eher auf das Konzept einer Gemischtwirtschaft hinaus. Man kann Paechs Positionen und Aussagen kritisieren, er kommt schließlich aus der konservativen Ökobewegung. Legt man einmal die ideologische Brille ab, erkennt man jedoch, dass der von ihm vorgestellte Ansatz durchaus pragmatisch verschiedene Elemente von „links“ und rechts“ kombiniert und er sich auch anarchokommunistisch umdeuten lässt. Diese Möglichkeit sollte man nutzen, anstatt sie aufgrund ideologischer Vorbehalte abzulehnen.

Mit freundlichen Grüßen

TS

Liebe*r L, liebe*r TS,

herzlichen Dank für eure Briefe und erst mal Danke für euer Lob. So was freut uns immer. Wir beantworten Eure Briefe zusammen, da sich Eure Punkte durchaus ergänzen und ihr in eine ähnliche Kerbe schlagt. Entschuldigt aber bereits, dass wir nicht auf alle Punkte detailliert eingehen können.

Wir sehen eure Punkte und haben lange darüber diskutiert. Ihr habt Recht, wenn ihr sagt, dass wir Degrowth nicht in aller Breite behandelt haben. Das liegt zum einen am Umfang der Zeitung, an der Zielgruppe (wir sind kein wissenschaftliches Blatt) und zum anderen auch am politischen Ziel. Wir haben uns durchaus über Degrowth informiert und gerade deswegen ist die Stoßrichtung – in euren Worten – gefärbt und einseitig. In unseren Diskussionen ist zutage getreten, dass Postwachstum, trotz all eurer Hinweise, ein Konzept ist, das sich nicht in grundsätzlicher Opposition zur kapitalistischen Ausbeutung versteht, sondern damit verbunden werden kann. Klar, keine Frage, sicherlich wäre eine kapitalistische Postwachstumsgesellschaft besser, nachhaltiger, you name it, als eine kapitalistische Wachstumsgesellschaft. Sicherlich ist Arbeitszeitverkürzung eine gute Sache und Fahrräder reparieren machen wir auch dauernd. Mehr (und besser bezahlte) Pflegekräfte finden wir auch richtig, klaro. Was durch all das aber nicht grundsätzlich hinterfragt wird, ist das kapitalistische Prinzip der Aneignung von Mehrarbeit – Ausbeutung – oder die kapitalistische Konkurrenz. Da wir die, das sollte aus all unseren Texten deutlich geworden sein, grundsätzlich ablehnen, schlagen wir gegen Regionalwährungen, lokale Kooperationen und Degrowth etwas anderes vor: Kommunismus. Nicht weil wir das Wort so geil finden oder weil wir nicht den Horror in der Sowjetunion kennen würden, sondern weil wir damit die grundlegende Opposition zum Kapitalismus meinen. Das unversöhnliche und revolutionäre Andere. Wir wollen nicht wie die Postwachstumsökonomen zurück zur Subsistenz, sondern vorwärts in die befreite Gesellschaft. Dafür muss man aber erstmal diese Gesellschaft einer grundlegenden Kritik unterziehen, Theorie treiben etc.

Als Leseempfehlung für Euch, weil der Name immer wieder auftaucht. Hier eine Kritik (von links) an Nico Peach, der wir uns anschließen würden: http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2013/10/wachstum_naber.pdf

Viele liebe Grüße

Straßen aus Zucker

„Wie soll kollektive Vernunft weltweit erreicht werden?“

Über Wege in die befreite Gesellschaft

Liebe Zuckerbäcker,

auch ich halte den Kommunismus für die perfekte Gesellschaftsform und
habe Euer Blatt mit Interesse gelesen.

Es enthält aus meiner Sicht einige logische Brüche, deren Diskussion
hier zu weit führen würde, aber einen sehr wesentlichen Aspekt, der so
gut wie gar nicht berücksichtigt wird, möchte ich hier
ansprechen:

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Die Ausgabe No. 12

Die neueste Ausgabe der Straßen aus Zucker hat sich nichts weniger als die Frage vorgenommen, wie wir leben wollen. Hier kann diese runtergeladen werden. Und hier kommt das Vorwort.

„You may say I’m a dreamer“, heißt es in einem alten Lied von John Lennon, das nur noch im „70/80/90er-Mix und das Beste von Heute“ verramscht wird. Und es kann nun wirklich nicht behauptet werden, dass Viele von den Ideen, die in dem Lied vorgeschlagen werden, träumen: einer Welt ohne Nationen, Eigentum und Religion. Gerade in Zeiten von AfD, Pegida, FPÖ, SVP, IS, Trump, AKP, Front National, Duterte und anderer Bewegungen des Horrors kann es schnell albern scheinen, über eine „befreite Gesellschaft“ und Utopien nachzudenken. Wenn das nichts mit den aktuellen Kämpfen zu tun hat, sondern eine paradiesische Welt am Reißbrett entworfen wird. Ohne die vielen gescheiterten Versuche zu reflektieren, die es bereits gab. Und einen Masterplan brauchen die Leute, die dann die grundlegende Veränderung erstreiten werden, auch nicht. Wir wollten das Gegenteil tun: Uns in trüben Zeiten Gedanken darüber machen, wofür wir eigentlich streiten. Es war nicht leicht, bei vielen Dingen sind wir uns unsicher, manches wird nur angerissen. Aber, dass es sich lohnt dafür einzutreten, dass es endlich besser wird, das wissen wir. Und: „We hope some day you’ll join us“.

Let’s make plans together!

Warum wir den libertären Plan 5.0 wollen

87 Prozent aller Rückenoperationen in Deutschland gelten als unnötig. Vor „falschen wirtschaftlichen Anreizen“ warnen deshalb Expert_innen, Operationen würden zu gut bezahlt. Wenn sich das ändert, dürften allerdings notwendige Operationen unterbleiben, weil sie sich „zu wenig lohnen“. Wobei ja auch jetzt schon nicht operiert wird, wenn es kein Geld für die Krankenversicherung gibt. Man kann sich die ratlosen Gesichter der außerirdischen Soziologiestudent_innen vorstellen, die diesen Wahnsinn nach Alpha Centauri berichten müssen. Wie bescheuert muss man sein, Gesundheit über Profit zu organisieren? Daraus folgt, dass nicht die medizinisch sinnvolle Maßnahme durchgeführt wird, sondern die, die sich finanziell lohnt. „Schatz, wie war Dein Tag?“ – „Fein, hab zehnmal sinnlos Rücken operiert!“ Doch das ist keine verrückte Ausnahme, es resultiert direkt aus der Organisation der Bedürfnisse über den Markt. „Wie würdet ihr es denn anders machen?“, wird darauf oft gefragt. Dazu weiter unten mehr. Aber vorher ein paar Bemerkungen zu den drei häufigsten Einwänden, mit denen eine Diskussion über Alternativen abgewürgt wird:
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All you need is love?

Liebe und Beziehungen in der befreiten Gesellschaft

Eine große Hoffnung, die eine auf Bedürfnisse ausgerichtete, von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung befreite Gesellschaft bietet, ist, dass in ihr Grenzen verschwimmen und verschwinden. Dass der Zwang entfällt, sich zu entscheiden oder gar andere über sich entscheiden zu lassen: Bist Du männlich oder weiblich? Schwul oder hetero? Heirat? Kinder? Zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen Familie und Gesellschaft, zwischen begehren und begehrt werden, Freiheit und Bindung.
Man kann jetzt einwenden: Ein gebrochenes Herz wird trotzdem immer noch weh tun. Und noch immer wird die Zahl der Menschen, mit denen man enge und wichtige Beziehungen ein- gehen kann, durch Zeit und Raum begrenzt sein. Und dass das alles wenig zu tun hat mit dem herrschenden gesellschaftlichen System. Stimmt. Aber wollen wir nicht umso mehr unsere Zeit frei von Konkurrenz, Unterdrückung und Ausbeutung verbringen, die so viele weitere unnötige Grenzen, Zwänge und Leid schaffen?
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