Stand by Me

Machtlosigkeit und das Gefühl, nicht über das eigene Leben bestimmen zu können, gehören zur Realität im Kapitalismus. Wie sich das auf unsere Beziehungen auswirkt und was wir mit dem Begriff der Entfremdung meinen.

Wer sich mit Dating beschäftigt oder das eigene Dating-Verhalten mal unter die Lupe genommen hat, ist vielleicht irgendwann an den Punkt gekommen, sich zu fragen: „Warum mache ich das überhaupt?“ oder „Was bringt mir das eigentlich?“. Nach einem unschönen Date ärgert man sich eventuell über die ,investierte‘ Zeit und Energie oder fragt sich nach einem schönen Date, ob’s denn nicht noch besser werden könnte.
Auch wenn man es nicht unbedingt erwartet, greift hier der Klang des „Höher, Schneller, Weiter“ in unsere Gefühle ein. Es scheint im Kapitalismus kein Zufall zu sein, dass Gedanken von Profit und Verwertung auch unsere Beziehungen beeinflussen, unsere Gefühle angreifen und mitunter auch unsere Freundschaften formieren.

Wie wir Beziehungen zum Produkt machen …

Wir wollen uns in diesem Text also mit der immer weiter gehenden Verwertungslogik von Beziehungen beschäftigen. Was wir hiermit meinen wird vielleicht am deutlichsten, wenn Ihr euch mal auf dem Schulhof umhört oder an Eure Schulzeit erinnert: Jakob hat was mit Mira angefangen, Adikle klärt sich auf jeder Party einen Neuen und Tess prahlt mit ihren 1500 Facebook-Friends und Followern bei Instagram: Vergleiche, Bewertungen und Quantifizierung auch im Bereich von Beziehungen. Jetzt könntet Ihr natürlich einwenden: Das sind pubertäre Phantasien, die man nicht so ernst nehmen müsse. Stimmt schon, aber auch hieraus wird Realität produziert und es hört dabei ja nicht auf. Das augenscheinlichste Beispiel hierfür sind wahrscheinlich Dating-Apps, insbesondere wohl Tinder. Auf diesem Beziehungsmarkt zählt die Währung Attraktivität. Ihr wird alles untergeordnet und man versucht, sich selbst zu optimieren, um noch attraktiver zu werden. Attraktivität wird durch das scheinbar objektive Rating über Matches produziert. Je mehr davon, desto attraktiver. Simple as that. Dies führt zu dauernder Aktivität auf der App: Gibt es neue Matches? Mit wie vielen Leuten treffe ich mich diese Woche?

Das Ganze geht sogar noch weiter und betrifft auch Freundschaften. Für ziemlich viele dürfte es von großer Bedeutung sein, wie viele Freund_innen man so in den sozialen Netzwerken hat, wer wen auf welchen Fotos verlinkt hat und wie viele Likes man für seine Bilder bekommt. Die Darstellung des eigenen Selbst und der Vergleich mit anderen – die Bewertung all dessen – tritt mehr und mehr ins Zentrum. Individuelle Qualitäten von Menschen gehen hier jedoch sehr leicht verloren und verschwinden hinter dem Schein der Profilbilder: Die Selbstoptimierung dient dabei nicht nur der eigenen Bedürfnisbefriedigung („Vier neue Likes!“), sondern wird auch durch die Anbieter_innen des Portals reguliert. Der Antrieb zu sozialer und medialer Aktivität entspricht den Handlungsanforderungen von Markt und Liebe und dient somit der Profiterhaltung des Online-Portals. Liebe und Menschen werden zu einem konsumierbaren Gut erklärt, dem jegliche individuelle Qualität fehlt: 250g Käse, 2 Liter Cola und 5 Tinder-Matches, bitte.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir wollen hier keine pauschale Kritik an Dating-Apps oder sozialen Netzwerken schreiben. Genauso wenig wollen wir in einen wehleidigen Pessimismus verfallen und romantisierende Blicke in die Vergangenheit werfen, in der Liebe vor allem über die sexistisch-heteronormative Einrichtung der Ehe geregelt war. Die Unverbindlichkeit, die durch Dating-Apps vermittelt wird, kann auch Freiheit und neue Möglichkeiten für Menschen schaffen, sich kennenzulernen. Kurzlebige (sexuelle) Beziehungen können durchaus auch befreiend sein, keine Frage. Wir freuen uns, wenn Leute viel Spaß miteinander haben. Go for it! Es geht uns aber darum, auf den ökonomischen Aspekt von Beziehungen hinzuweisen, nach welchem Liebe auch schon vor Dating-Portalen organisiert war. Genauso wie es schon vor Facebook-Zeiten wichtig war, mit den coolen Leuten abzuhängen – und das auch zu zeigen. Die Ökonomisierung von Gefühlen gibt es schon länger, wird aber gerade durch Social Media noch stärker gepusht. Die Apps sind somit also eher das Symptom als die Ursache.

… und was der Kapitalismus mit unserem Gefühl macht

Diese Gedanken und insbesondere das Gefühl, welches sich hier beispielhaft gezeigt hat, wollen wir unter einen theoretischen Begriff fassen: Entfremdung. Wir glauben, dass Entfremdung und Kapitalismus notwendig zusammenhängen. Bei Marx, den wir ja gerne mal zitieren, liegt die Ursache von Entfremdung im Verhältnis von Arbeiter_innen zu den von ihnen hergestellten Produkten: Obwohl sie diese produzieren, gehören sie ihnen nicht, sondern sind das Privateigentum von jemand anderes, ihnen also fremd. Entfremdung zeigt sich also erstens im Verhältnis der Arbeiter_innen zu den Produkten – diese gehören jemand anderem – und zweitens gibt es eine Entfremdung durch die Tätigkeit als solche, da man häufig gar nicht mehr überblicken kann, für wen oder was man das eigentlich produziert.
Diese Entfremdung in der Lohnarbeit klingt etwas abstrakt, weit weg von unseren Gefühlen und scheint nicht so viel mit Tess’ 1500 Facebook-Freunden zu tun zu haben. Geht man jedoch weiter mit dem Entfremdungs-Konzept, so hört die Entfremdung nicht in der Lohnarbeit auf, sondern betrifft auch das Verhältnis der Menschen untereinander. Wir entfremden uns also auch als Mensch von anderen Menschen. Wir sehen in anderen nur noch, wie weit sie ver- oder bewertet werden können, wie produktiv oder unproduktiv sie sind, wie sie aussehen – oder wie sie uns nützlich sind. Auch das Denken und Fühlen ist also von Entfremdung betroffen. Man fühlt sich, als ob man keine Macht über die eigenen Handlungen mehr besitzen würde. Obwohl ich also gegen das profitorientierte System bin, checke ich unbewusst alles nach Verwertbarkeit ab, sogar meine Freund_innen, Liebschaften, Beziehungen und letztendlich auch mich selbst. Meine mit diesen Menschen einhergehenden Gefühle scheinen also in gewissem Maße durch das System fremdbestimmt zu sein.

match mich, fick mich, lass mich

Entfremdung lauert also überall. Auf Arbeit und auch in Social Media. Wie können wir das Schlamassel nun aufheben und die Entfremdung beenden? Durch die Abschaffung von Lohnarbeit und damit der Abschaffung des Kapitalismus. Aber wie kann man damit anfangen, wenn das mit der großen Revolution gerade nicht in den vollen Stundenplan passt? Gegen die Beliebigkeit und den Konsum von Menschen, gegen das „Mit wie vielen hattest Du was am letzten Wochenende?“ würden wir eine Einstellung vorschlagen, in der es darum geht, nicht alles schnell zu besitzen, zu benutzen und zu beenden. Es geht in der Liebe und in Beziehungen um Loyalität, aber nicht diese übliche und bürgerliche Form von Treue, die dahin geht, bis der Tod jemanden scheidet. Freundschaften und Liebesbeziehungen können und sollen – gerade aus feministischer Perspektive – beendet werden, wenn es nicht mehr passt. Darin stecken auch ein großer Teil Freiheit und Selbstermächtigung. Es gibt ja auch nicht das richtige Beziehungsmodell – jede_r muss für sich selber entscheiden, welche Form von Beziehung in welchem Moment am besten passt, sei es Poly- oder Monogamie, Friendship with Benefits oder welche auch immer euch am Angenehmsten erscheint.
Das Konzept der ,Treue’, von dem wir hier sprechen, fordert es, Beziehungen zu Liebhaber_innen, Freund_innen und Genoss_innen, auch wenn es mal schwierig wird, auszuhalten – auch Langeweile und manchmal auch Enttäuschungen. Die ,große Liebe‘ ist ein Hirngespinst, aber wir glauben schon, dass man nicht sofort wegrennen sollte, wenn es mal kompliziert wird. Haltet zusammen. Haltet zusammen aus. Sowohl in Liebesbeziehungen als auch in Freundschaften oder auch in politischen Zusammenhängen. Das Ende von Entfremdung und Verwertung geht nicht allein.

Zum Weiterlesen:
– Theodor W. Adorno: Minima Moralia, 1951, ca. 15 Euro. Darin: Aphorismus Nr. 110: „Constanze“.
– Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, 2004, 12 Euro.
– Ingo Elbe: Entfremdete und abstrakte Arbeit, 2014, www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Entfremdete_Arbeit.pdf
– Christoph Henning: Theorien der Entfremdung. Zur Einführung, 2015, 16 Euro.