Kleine Geschichte des gesellschaftlichen Leids

Oder: Warum das mit den Gefühlen doch nicht so klar ist

Wer traurig ist, weint. Klingt erst mal logisch und eindeutig. Aber es gibt auch Menschen, die die Tränen unterdrücken. Andere weinen vor Freude. So schnell ist es vorbei mit der schönen Eindeutigkeit von Gefühlen: Die einen fürchten sich vor Spinnen, die anderen nicht. Oft ändert man auch seine Gefühle: Was einen früher auf die Palme gebracht hat, ist nun okay. Wer früher Angst vorm Blutabnehmen hatte, lässt sich heute schon mal vergnügt volltätowieren.

„My feelings for you have always been real“?

Gefühle sind wandel- und veränderbar. Sowohl in einzelnen Menschen selbst, als auch in den Debatten um Gefühle. Wie und warum über welche Gefühle gesprochen worden ist und wird, fällt dabei zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich aus. Hier lohnt sich ein kleiner Blick in die Geschichte, um zu zeigen, wie vielfältig die Debatten um Gefühle sein können: Wenn wir zum Beispiel in einem Buch über das Mittelalter die Story von zwei sich hassenden Fürsten lesen, ist die Geschichte nämlich noch lang nicht vorbei. Denn wir wissen nicht, was „Hass“ in dieser Zeit bedeutete und wie eine öffentliche Bekundung des Gefühls ausgesehen hat. Wir können das nur durch unsere gegenwärtige Brille mit aktuellen Kategorien und Begriffen beschreiben. Diese ändern sich jedoch im Lauf der Zeit stetig.
So gibt es beispielsweise „verlorene“ Emotionen, die heute gar nicht mehr existieren – etwa die einstige Todsünde acedia (Trägheit, Antriebslosigkeit). Moderne Menschen mögen sich auch träge fühlen, dennoch würden sie diesen Zustand wohl kaum mit den Symptomen der acedia in Verbindung bringen: Fieber, Gliederschmerzen und eine besondere Unlust zu beten. Auch würden sie die Wurzeln dieses misslichen Zustands sicher nicht bei Dämonen oder dem Teufel suchen. Klingt verrückt, war damals aber ernsthaft so gemeint. Nun könnte man natürlich auch sagen, acedia existiere durchaus heute noch, nur unter anderen Namen – wie etwa „Depression“. Das allerdings gäbe noch immer nicht das vollständige Bild – die Ursachenzuschreibung an Dämonen würde fehlen. Andere Gefühle sind hingegen moderner Art: Eifersucht und die damit verbundene Vorstellung, es gehe Dir etwas verloren, wenn geliebte Menschen auch mit anderen Personen Spaß und Zuneigung teilen, wurde erstmals im 17. Jahrhundert dokumentiert und erinnert bestimmt nicht nur zufällig an die kapitalistische Tausch- und Besitzlogik.

Bürgerliches Trauerspiel

Die Debatten um Gefühle hängen eng damit zusammen, wie Gesellschaft und ihre Produktion von Gütern jeweils organisiert sind. Müssen wir uns im Deutschunterricht durch die Irrungen und Wirrungen bürgerlicher Romane aus dem 19. Jahrhundert kämpfen, dominieren dort Sachlichkeit und Gefühlskälte zwischen den beschriebenen Figuren. Gefühle zu zeigen entsprach vor allem für Männer nicht den Anforderungen im öffentlichen Gesellschaftsbereich des sich ausbreitenden Kapitalismus: Denn dieser setzte auf die Einhaltung formaler Verträge und der Rationalität. Während Männer dazu passend als allgemein beherrscht und überlegt galten, eignete sich die allgemeine Vorstellung von Frauen als emotional, sensibel und irrational prima, damit diese sich im privaten Bereich Haushalt und Kindern widmeten. War diese emotionale Verteilung entlang klarer Geschlechterrollen in bürgerlichen Kleinfamilien alltägliche Praxis, galten ArbeiterInnen hingegen lediglich als eine unpersönliche und austauschbare Arbeitskraft, der kein Platz für Emotionen eingeräumt wurde. Die Frage, wie es Dir denn heute so gehe, hatte in der Fabrik schlicht gar nichts zu suchen.

Vor 150 Jahren, als der Kapitalismus noch stärker auf klassischer Industriearbeit beruhte, strömte die Landbevölkerung in die Städte und hatte nur die Alternativen, sich entweder bis aufs Blut ausbeuten zu lassen oder mehr oder weniger schnell zugrunde zu gehen. Da wären so manche Arbeitstage von heutiger Länge und der damit in kapitalistischen Zentren einhergehende Lebensstandard den meisten Menschen als Paradies auf Erden erschienen. Diese Menschen konnten froh sein, wenn der schmale Lohn ausreichte, um ihre Familien zu ernähren, die sich in viel zu kleinen Wohnungen drängten.

Die Frage mag zynisch erscheinen – aber hätte die Phase des Frühkapitalismus nicht die Geburtsstunde der Depression sein müssen? War der auf vielen Menschen lastende Druck zu dieser Zeit nicht wesentlich höher? Und wenn dem nicht so war – warum nicht? Eine Erklärung dafür könnte zum einen sein, dass es zu dieser Zeit für viel weniger Menschen Zugang zu psychologischen Diagnosen gab als heute – die aufkommende Psychoanalyse war auf die bürgerliche Klasse beschränkt. Mögliche Symptome bei ArbeiterInnen wurden daher schlicht nicht beachtet.
Zum anderen wurde noch anders über Gefühle und Psyche gesprochen: So wies ein häufig beschriebenes Phänomen Ähnlichkeiten zur Depression auf, das jedoch heute aus dem psychischen Fachvokabular nahezu verschwunden ist – die Melancholie. Der Psychologe Sigmund Freud beschrieb sie als einen Zustand der Selbstzerknirschung, der mit Gefühlen innerer Leere, Interessenlosigkeit und dem Verlust des Selbstwertgefühls einhergeht.

Das Verwundetenabzeichen der Leistungsgesellschaft

Von Depression reden wir eher bezogen auf die heutige Gesellschaft: Die rasante Entwicklung der Wirtschaft in modernen westlichen Gesellschaften hat auch dazu geführt, dass Menschen dauernd irgendwie bei der Arbeit sind – stets gehetzt und rund um die Uhr erreichbar. Dadurch sind sie einem permanentem Druck ausgesetzt, sich als Person bewähren zu müssen. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern: Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit Burnout.

Auf dem Weg von der alten Melancholie zur heutigen Depression gibt es eine ausschlaggebende Veränderung. Die heutigen Gesellschaften erscheinen so, als ob sie einen weiten Horizont von Möglichkeiten bieten und alte moralische Verbote und Zwänge immer weiter zurückgehen würden. Klingt erst mal nice, hat aber den Nebeneffekt, dass Menschen beständig gezwungen sind, auszuwählen und obendrein noch darauf achten müssen, sich dabei für andere und die Gesellschaft attraktiv zu machen: Sei es im abwechslungsreich mit Praktika und Auslandsaufenthalten gefüllten Lebenslauf oder in der Anforderung, sich bei Instagram originell zu präsentieren.

Wo sich in den kapitalistischen Zentren die Art der Arbeit eher aus der Fabrik in Dienstleistungsbereiche, Werbeagenturen und Start-Ups verlagert, gilt es bei Vorstellungsgesprächen dieser Tage nicht mehr nur Leistungsbereitschaft für gestellte Arbeitsaufgaben zu bekunden, sondern sich begeistert als Persönlichkeit aktiv und kreativ einzubringen. Anders als bei der Arbeit am Fließband werden die Menschen dadurch auch zunehmend emotional in ihre Arbeit verstrickt und die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verwischen. Bei den gegenwärtigen Aufforderungen der Arbeitgeber_innen, „aus sich herauszugehen“ handelt es sich genauso um Arbeitsanforderungen wie bei der früheren Forderung, „sich zusammenzureißen“. So wird ein vermeintlich errungenes Freiheits- und Selbstverwirklichungsversprechen in neue Formen des Selbstzwangs übersetzt. Gefühle werden dabei individualisiert und zur dauernden Aufgabe für die einzelnen Menschen – an der sie auch scheitern können.

Macht kaputt, was euch kaputt macht

Ist es nun der Kapitalismus, der uns krank macht? Oder gibt es einfach eine Zunahme an Diagnosen und eine Steigerung der Sensibilität für Symptome? Egal wie die Antwort ausfallen mag, fest steht jedenfalls, dass Gefühle in einem engen Zusammenhang mit der jeweiligen Gesellschaft und ihren Anforderungen an die Einzelnen gebracht werden müssen – auch wenn sie natürlich nicht ausschließlich auf sie zurückzuführen sind. Gefühle können und sollten politisiert werden, sie können so eine Kategorie der historischen und politischen Analyse werden. Vielleicht müssen wir als SaZ ab sofort auch Emotionen stärker in unsere Betrachtungen einbeziehen – ein Anfang ist mit dieser Ausgabe gemacht.

Zum Weiterlesen:
– Eva Illouz: Warum Liebe weh tut, 2011, 25 Euro.
– Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst, 2004, 25 Euro.