You can stand under my umbrella!

Warum die radikale Linke geil und caring werden muss – Bericht eines Redaktionsmitglieds.

Eine männlich dominierte Gruppe, die jeden Dienstagabend schlecht gelaunt über Haupt- und Nebenwidersprüche debattiert, wobei der Unentspannteste den Ton angibt – so stellen sich die meisten Leute das Leben in der radikalen Linken vor. Auch deshalb hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Leute, die die Gesellschaft für grundsätzlich falsch eingerichtet halten, ja wohl logischerweise permanent sturzunglücklich sein müssten.
Was für ein Blödsinn! Warum das Leben in der radikalen Linken selbst in rückschrittlichen Zeiten viel mehr Glück bietet als die bürgerliche Norm-Gesellschaft, und wie es noch besser werden könnte, erzählt der folgende Artikel.

Mit dem rechten Fuß aufgestanden

Meine Reise in die Welt links vom StiNo-Universum* verlief eher untypisch. Als Teenager war ich entsetzlich brav und erwachsen und bin erst mit Mitte 20 relativ zufällig mit der radikalen Linken in Berührung gekommen.
So hab ich noch eine lebhafte Erinnerung daran, wie es sich in einem bürgerlichen Bewusstsein lebt und kann als glücklich knapp Entflohener berichten: Es ist die Hölle!
Ich habe Architektur studiert zu einer Zeit, in der buchstäblich alle, die das mitkriegten, sofort besorgt anmerkten: „Uhh, Architektur… viel Spaß aufm Job-Center!“.
Das war der Soundtrack meiner „formative years“: Du kannst Dich anstrengen wie Du willst, am Ende wird es höchstwahrscheinlich eh für‘n Arsch sein. Die Drohung also, die wir im Kapitalismus alle in Dauerschleife hören, nur etwas lauter. Folgerichtig bin ich den größten Teil meiner Twenties ziemlich benommen zwischen Depression und Hedonismus hin- und her gestolpert. Ein Glück, dass Letzterer meist gesiegt hat und ich meine Zeit nicht mit Kaffeekochen in unbezahlten Praktika bei ätzenden Büros verschwendet, sondern Bücher gelesen und Filme geguckt habe.
Klar sehne ich mich nach dem Tag, an dem ich endlich Wohnung und Supermarkt mit einem Lächeln bezahlen kann. Bis dahin bin ich jedoch weich gelandet in einem vergleichsweise freundlichen Büro – was auch mit meinem Interesse an linker Politik zu tun hat.
Meine heutige Chefin hielt in der Uni einen Vortrag über ein kollektives Wohnhaus für eine linke Gruppe, darüber kam man ins Gespräch und ich, der ich nie planvolle Karriereschritte unternommen hatte, in ihr Büro.
Klar, Lohnarbeit ist schon allein aus strukturellen Gründen beschissen, und allem Klassenbewusstsein zum Trotz ist es auch die Bezahlung, wenn man für klamme Wohngruppen Häuser baut. Dennoch gilt mein tief empfundenes Mitleid allen, die sich gar nichts Anderes mehr vorstellen können, als ihre Tage im Büro zu verbringen, nebenbei vom Reihenhaus zu träumen – und dort dann auf den Tod zu warten…

Always look on the left side of life

Zunächst ist es natürlich kein Stimmungsmacher zu wissen, dass die Gesellschaft, in der man lebt, grundsätzlich falsch eingerichtet ist, dass diese Fehleinrichtung unbeschreiblich viel unnötiges Leid und vermeidbare Zerstörung verursacht, und dass es dennoch unglaublich schwer ist, sie abzuschaffen.
Zudem steht man als Linke_r ja keineswegs über den Problemen und Bedrohungen der falschen Gesellschaft: Ich bin keine abgebrühte Person, der beim Gedanken an Jobverlust und drohende Abhängigkeit von ‚Vater Staat‘ nur einfällt: „geil, dann kann ich endlich in Ruhe Politik machen.“ Ich bin eher ängstlich und vorsichtig.

Trotz alledem bin ich heute im Vergleich zu meiner Bildungsbürger-Vergangenheit vor allem eines: viel glücklicher!
Ich habe eine enge Beziehung zu meinen Geschwistern, obwohl mich von beiden politisch Lichtjahre trennen. Ich weiß genau, was sie umtreibt und wie es ihnen wirklich geht.
Deshalb bin ich sicher, dass ich trotz meiner Abneigung gegen sehr vieles, was allgemein als normal gilt, von uns dreien am besten klarkomme mit den Zumutungen, die das Leben in der kapitalistischen Ellbogen-Gesellschaft mit sich bringt.
Meine ältere Schwester arbeitet in einer Anwaltskanzlei so viel zu viel, dass sie in der ständigen Angst lebt, zusammenzubrechen. Es hilft nicht unbedingt, dass sie in ihrer knappen Freizeit meist in Torschlusspanik lebt, weil all ihre Freundinnen verheiratet und fortgepflanzt sind, während sie mit Anfang 30 (!) noch unverheiratet und kinderlos ist.
Mein Bruder hat einen hervorragenden BA-Abschluss in Regelstudienzeit absolviert, anschließend gute Jobangebote ausgeschlagen und sich für ein Medizinstudium entschieden und hat trotz dieser soliden Ausgangslage vor jeder Prüfung schlaflose Nächte, weil ihm der Erfolgsdruck im Nacken sitzt.

Ich möchte nicht behaupten, dass mir solche Zustände fremd wären. Nur erlebe ich sie heute, als Linksradikaler, seltener und milder dank eines großen inneren Abstandes zu den völlig absurden Anforderungen, die heute an uns alle gestellt sind. Natürlich habe auch ich verinnerlicht, dass wir alle ständig aktiv sein müssen und arbeite in einem Bereich, in dem erwartet wird, dass man seinen Job nicht nur OK macht, sondern stets kurz vorm Orgasmus ist vor Leidenschaft für‘s Planen von Abwasserrohren. Aber da ist noch etwas ganz anderes: Auf einer bestimmten Ebene weiß ich, dass das alles ein lächerliches, langweiliges Theaterstück ist.

Sein und Bewusstsein

Das ist der Unterschied: Selbst wer ein komplett bürgerliches Leben führt, spürt unterschwellig, dass ‚Erfolg‘ (also Wohlstand, Sicherheit, ‚Karriere‘…) nur bedingt von Leistung und Einsatz abhängt (nicht, dass dann alles cool wäre), aber viel mit Herkunft und Zufall zu tun hat. Nur muss das ein undeutliches Gefühl bleiben, wenn man vereinzelt immer nur dem eigenen Interesse (oder höchstens dem der Kleinfamilie) nachrennt.
Seit ich aber in einer Gruppe reflektierter Menschen aktiv geworden bin, die diese Verhältnisse nicht nur spüren, sondern auch analysieren und kritisieren, kann ich aus dem Hamsterrad wenigstens innerlich aussteigen – und gewinne so eine Welt von Perspektiven, und keineswegs nur im Kopf.

Gemeinsam organisieren wir Partys im nettesten Club der Stadt (hinter dem, ihr wisst schon, ein linkes Kollektiv steckt), bereiten geduldig die nächste Revolution vor – und haben Spaß dabei. Wer also denkt, man verpasse in der radikalen Linken lediglich stundenlange theoretische Debatten, irrt sich gewaltig und zum eigenen Nachteil. Ich jedenfalls hätte in meinem bürgerlichen Leben wohl nie MDMA probiert oder meine Jugend-Idole zum Interview getroffen.
Nicht zuletzt das sogenannte Privatleben macht unter Linken einfach mehr Spaß. Linke Freund_innenkreise sind weniger durch Berufstätigkeit und gesellschaftlichen Status vorselektiert, und es ist in ihnen allgemein akzeptiert, wenn Frauen keine Kinder machen wollen oder Männer keine Karriere. Leute wohnen auch mit 60 noch in WGs und gehen zusammen feiern, wenn sie Bock drauf haben.
Das alles nicht, weil Linke grundsätzlich die cooleren Menschen wären, sondern weil sie in aller Regel ein paar Dinge klar haben: dass Bedürfnisse wichtiger sind als der Wirtschaftsstandort oder was die Nachbarn sagen zum Beispiel, oder dass Leute, die sich rassistisch oder sexistisch verhalten, achtkantig rausfliegen.

Papa don‘t preach!

Nach so viel Applaus muss auch benannt werden, was fehlt. Auch unter Linksradikalen gibt es (beispielsweise) Sexismus und Konkurrenz – in einer strukturell sexistischen Konkurrenz-Gesellschaft sind die individuell leider nicht tot zu kriegen. Viele Personen, die anders als der hier Berichtende nicht männlich, weiß und middle-class sind, machen deshalb auch in linken Zusammenhängen schlechte Erfahrungen, etwa mit Sexismus und/oder Rassismus. Und selbst für Viele, die davon nicht betroffen sind, ist der Einstieg in die radikale Linke kein Zuckerschlecken, weil ihnen Einschüchterung, Autorität und Mackertum begegnen, wenn sie an einen der vielen Argument-Roboter geraten, die glauben, die Welt umfassend verstanden zu haben und anderen Angst machen wollen. Auch unter Linken gibt es nämlich gruselige Knallos, die sich im Kampf gegen die Härte der kapitalistischen Ordnung selbst verhärtet haben.
Denn noch immer wird leider nicht in jeder linken Gruppe auf die Bedürfnisse aller Beteiligten Rücksicht genommen und ein gutes Gleichgewicht gesucht zwischen der vielen Orga-Arbeit für Demos und Projekte auf der einen Seite, und Freuden, Albernheit und Für-einander-da-sein auf der anderen, im Hier und Jetzt.
Der Weg zu einer Linken, die nicht nur den Anspruch hat, die vielen Härten der falschen Gesellschaft abzuschirmen, sondern dies tatsächlich auch schafft, ist also noch weit. Aber Losgehen lohnt sich in jedem Fall, egal ob Leute sich aus politischer Einsicht auf den Weg machen – oder einfach weil sie Lust haben auf die interessanteren Leute, den freundlicheren Umgang und die besseren Partys.

* kurz für: STInkNOrmal

Zum Weiterlesen:
– Interview mit Tadzio Müller: Die Linke muss geil sein – https://jungle.world/artikel/2017/01/55499.html
– Georg Seeßlen: Vier Formen des Linksseins – http://www.taz.de/!5345935/
– Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen – https://www.lyrikline.org/de/gedichte/die-nachgeborenen-740