Wo bitte geht’s hier zur Revolution?

Auf dem Weg zur befreiten Gesellschaft

Dass wir die bestehende Gesellschaft abschaffenswert finden, das sollte in unseren Texten deutlich geworden sein. Und dass wir denken, dass es nicht damit getan ist, dass alle ein bisschen mehr Mediationskurse besuchen, netter zueinander sind, der CO2-Ausstoß verringert oder der Mindestlohn um 4 Cent angehoben wird. Sondern, dass sich etwas ganz Grundlegendes ändern muss: nämlich unsere kapitalistische Produktionsweise, die darauf basiert, dass Menschen alle Dinge, die sie brauchen, kaufen müssen. Deshalb werden nur Dinge produziert, für die auch jemand bezahlen kann und deshalb müssen alle Menschen, die nicht das Glück haben, reich zu erben, ihre Arbeitskraft in ständiger Konkurrenz zueinander verkaufen. Das aber bedeutet was anderes als die Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen, weniger Gier oder mehr Degrowth. Es bedeutet: Kapitalismus abschaffen! Für den Kommunismus! Slogans, die auf x-tausenden linken Aufklebern gedruckt sind und auf Demo-Transpis prangen. Was aber bedeuten sie genau? Wie kann er aussehen, so ein Weg zu einer grundsätzlich anderen Gesellschaft?

Früher war mehr Lametta? Fragend schreiten wir voran

Wir sind nicht die ersten, die sich diese Frage stellen. Tatsächlich gab es Zeiten, da klangen Worte wie „Revolution“ und „Kommunismus“ weniger fern und abstrakt, als dass es für uns der Fall sein mag. Für viele schien es total realistisch, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es allen Menschen besser gehen würde. Gut geklappt hat es bislang nie. Um aus den Fehlern zu lernen macht es Sinn, einen Blick zurück zu werfen auf unterschiedliche Vorstellungen, wie die bestehende Gesellschaft ersetzt werden kann – und von denen viele heute weiterhin vertreten werden. Das alles um sich zu überlegen, wie heute eine erfolgversprechende Strategie aussehen kann.

Von Ochsen und Eseln

„Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“, meinten viele in der DDR oder auch in der frühen Sozialdemokratie – die damals noch richtig revolutionär war und ziemlich wenig mit der Elendsverwaltung der heutigen SPD zu tun hatte. Traditionelle Marxist_innen meinten damit: Wat mutt, dat mutt. Sie gingen mehr oder weniger davon aus, dass die Gesellschaft sich immerzu durch Revolutionen in eine bessere verwandelt: von der Sklaverei zur Leibeigenschaft zum Kapitalismus, der sich durch seine Krisenanfälligkeit selbst zerstört – noch eine kleine Prise Politik dazu, et voilà, der Kommunismus ist da! Dieser Optimismus war damals halbwegs naheliegend: Bis zur industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert war in der Tat nicht genug da, um allen Menschen ein materiell sorgenfreies Leben zu ermöglichen (obwohl man durchaus auch vorher schon menschenfreundlichere Verhältnisse hätte schaffen können). Durch die neuen technischen Möglichkeiten wäre es prinzipiell möglich gewesen – nur die gesellschaftlichen Verhältnisse verhinderten es. Der Kapitalismus selbst hatte also die Voraussetzung für seine Abschaffung geschaffen.
Auch heute, wo genug Nahrungsmittel produziert werden um 13 Milliarden Menschen zu ernähren, darf man ja eigentlich davon ausgehen, dass die 7 Milliarden Menschen auf der Erde nicht hungern müssen. Aber im derzeitigen globalen Wirtschaftssystem ist das nicht der Fall.
Doch wir sehen: Der Kapitalismus verursacht zwar ständig Krisen, aber leider führen diese nicht automatisch dazu, dass er zusammenbricht. Ohne Hilfe von uns geht es anscheinend nicht.

Die Partei, die Partei, die hat immer recht

Einer, der dem Kommunismus einen kleinen Schubs beim Entstehen geben wollte, war Lenin. Er dachte, dass die Arbeiter_innen den Kommunismus machen müssen, weil es ihr „objektives“ Interesse ist, eine Gesellschaft abzuschaffen, in der sie zwar allen gesellschaftlichen Reichtum produzieren, aber davon kaum etwas abbekommen. Allerdings traute er den Arbeiter_innen nicht zu, von selbst zu dieser Einsicht zu kommen. Deshalb bräuchten sie nach Lenin starke Anführer (seltener: _innen) in einer noch stärkeren Partei, die ihnen zeigen, wie der Hase läuft. Das war dann der Fall in fast allen Ländern des „Realsozialismus“. Und führte leider zu allem anderen als einer befreiten Gesellschaft, sondern nicht selten in die Katastrophe.

Schlimmer geht immer

Diese unterschiedlichen Strömungen einte der Optimismus, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben und die Gewissheit, dass eine bessere Gesellschaft von vielen gewollt wird. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg wurde aber überdeutlich, dass das leider nicht so war: Anstatt gemeinsam mit ihren Genoss_innen aus anderen Ländern Staat, Nation und Kapital auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern, den Kriegsdienst zu verweigern oder die Waffen umzudrehen, ermordeten die Menschen in Europa sich gegenseitig auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges und begingen Genozide in den Kolonien. Vor diesem Hintergrund begann u.a. die „Kritische Theorie“ – linke Philosoph_innen, zu denen unter anderem die von uns so gerne zitierten Buddies Theodor Adorno und Max Horkheimer gehörten – zu fragen, warum keiner die Revolution macht, obwohl es doch objektiv so vernünftig wäre. Sie schauten sich an, wieso die Menschen so an dieser „falschen Gesellschaft“ (aka „Gesamtscheiße“) hängen. Nach dem Holocaust und Zweiten Weltkrieg wurden sie noch skeptischer, dass eine Veränderung zum Besseren überhaupt möglich ist. Vielmehr gälte es, noch Schlimmeres zu verhindern und durch kritische Aufklärung die Menschen überhaupt in die Lage zu versetzen, eine bessere Welt zu denken. Mit diesem Dilemma müssen wir uns immer noch rumschlagen: Wie eine Veränderung zum Besseren schaffen, wenn ein Großteil der Menschen lieber AfD wählt, Arbeiten geil findet oder Geflüchtetenunterkünfte anzündet? Wenn man die Menschen nicht wie Lenin zu ihrem Glück zwingen will, hat man als Kommunist_in also ein Problem.

Links um! Der lange Marsch

Optimistischer war da die Studierendenbewegung, die sogenannten „68er“, die im gleichnamigen Jahr Europa und viele andere Teile der Welt ganz schön in Atem hielten. Einige von ihnen wollten in der Gesellschaft strategische Positionen besetzen, einen „langen Marsch durch die Institutionen“ vornehmen. Ihr Ziel war eine Reform von innen, aus der die andere Gesellschaft dann nach und nach erwächst. In Deutschland gingen aus Teilen von ihnen die Grünen hervor, die als Partei alles ganz anders machen wollten. Moment mal, sagt ihr, die Grünen? Ja, genau die, die mit Joschka Fischer – früher auch mal so ein „Rebell“ – als Außenminister Ende der 90er deutsche Bomben auf Jugoslawien werfen ließen. Die Grünen, die mit dem Ministerpräsidenten Kretschmann 2015 die weitere Aushöhlung des Asylrechts ermöglichten. Die Grünen, und auch zahlreiche wohlmeinende linke Parteien nach ihnen zeigten: Auf (meistens) kurz oder (selten) lang spielen sie trotz aller guten Vorsätze brav mit im parlamentarischen Betrieb. Das ist kein Zufall: Jede Partei, die nicht nur Opposition sein will, muss so denken wie ein Verwalter des Nationalstaats. Und das heißt: dafür sorgen, dass der Laden rund läuft, damit die Steuern fröhlich sprudeln – auch, wenn das Lohnsenkungen, Abschiebungen und Kriege bedeutet.

Alle Macht den Räten!

Auf viele dieser Probleme versuchten Kommunist_innen eine Antwort zu finden. Schon seit Beginn der kommunistischen Bewegungen erkannten manche, dass das autoritäre Vertrauen in Partei und Staat nicht Teil der Lösung, sondern des Problems ist. Sie gingen davon aus, dass Menschen sich in ihren Betrieben und Stadtteilen selbst organisieren müssen und die Macht nicht durch einen Staatsstreich einer kleinen Gruppe zerschlagen wird, sondern durch einen Generalstreik und die Organisation von Vollversammlungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Durch „revolutionäre Realpolitik“ wollte z.B. Rosa Luxemburg oder später die italienischen Operaist_innen in den 1960ern erreichen, dass gleichzeitig konkrete Verbesserungen für die Menschen erkämpft werden, die Perspektive einer grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzung aber nicht aus den Augen verloren wird. Das Attraktive: Bis das System kollabiert gibt es schon mal zahlreiche konkrete Verbesserungen im Alltag. Das Problem: Unternehmen finden zumeist schlaue Methoden, um konkurrenzfähig zu bleiben – zum Beispiel, indem sie durch mehr Automatisierungen Menschen entlassen können. Mist.

Der Kampf um die Köpfe

Eine andere Antwort auf dieses Dilemma formulierte Antonio Gramsci, ein Marxist aus Italien: Er betonte, dass im Kapitalismus Herrschaft keineswegs allein durch Zwang erzeugt werde und man deswegen durch einen bewaffneten Staatsstreich den Bundestag stürmen kann, sondern dass in Schule, Universitäten, Medien usw. Zustimmung zum Bestehenden erzeugt werde. Dadurch denken dann wir alle, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Deshalb ging er davon aus, dass für eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse linke Ideen in diesen Bereichen sichtbar werden müssen – er nannte das „Kampf um Hegemonie“. Das Attraktive an dieser Idee: Ich kann auch in einem linken Zeitschriftenprojekt wie der SaZ mitmachen und hoffen, dadurch zu grundlegenden Veränderungen beizutragen.

Me, myself and I

In jüngerer Zeit finden Linke die Antwort auf die Frage nach der Revolution auch: im Spiegel. Bei den Autonomen in den 1980ern gab es zum Beispiel so eine „Politik der ersten Person“, wo es ganz stark darum ging, im Kleinen aufzubauen, was im Großen gelten sollte. In besetzten Häusern, kritischen Männergruppen, Mobilisierungen gegen ökologisch und sozial fatale Projekte wie neue Atomkraftwerke. Diese Art von Selbstreflexion ist natürlich wichtig – gerade weil wir alle, siehe Gramsci, ganz schön zugepumpt werden mit Ideologie in dieser Gesellschaft. Nur: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Dingen viele kleine Dinge tun, können sie eben nicht einfach das Gesicht der Welt verändern. Dazu braucht es auch ein Verständnis davon, was genau schief läuft und wie wir uns alle dagegen zusammenschließen.

HochDieKampfDemVivaViva

Heute gibt es – unglaublich, aber wahr! – ja weiterhin Leute, die eine Revolution wollen. Manche von ihnen knüpfen ziemlich nahtlos an die Ideen von oben an, aber viele Versuche sind heute sehr viel diffuser. Dass es nach den fixen Ideen, wie es zu laufen hat, und die ja alle entweder im Sande verlaufen oder in der Katastrophe geendet sind, erst mal weniger Gewissheit über den einzigen richtigen Masterplan zur Revolution gibt, ist sicherlich nicht falsch. „Fragend schreiten wir voran“, haben die Zapatistas, eine teilweise hochsympathische mexikanische Guerrillabewegung, die 1994 einen für Linke weltweit inspirierenden Aufstand wagten, diesen Zustand genannt.

Was macht man denn aber nun aus all diesen – und einigen anderen, die wir hier nicht genannt haben – Versuchen, mit denen Linke sich in der Vergangenheit abgestrampelt haben? Erstens: Es wird nicht automatisch besser (oder schlechter), es gibt keine objektive Tendenz des Fortschritts z.B. weil die Maschinen irgendwann die zu verteilende Arbeit so stark minimieren, dass Kommunismus easy wird. Sondern der kommt nur, wenn Leute ihn wollen und machen. Und dafür braucht es politische Bewegungen. Zweitens: Es geht nicht durch die Übernahme von Parteien oder Staaten, sondern nur dagegen. Drittens: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Eine der letzten beinahe-revolutionären Situationen in Europa – 1968 – folgte auf die 1950er Jahre, die mal sowas von konservativ und verstaubt waren. Damals hätte nie jemand gedacht, dass sich in Frankreich die Arbeiter_innen mit den Studierenden verbinden und der Präsident aus Furcht vor der Revolution außer Landes flieht. Viertens: Es braucht ein tatsächliches Verständnis davon, was hier in dieser Gesellschaft schief läuft, es braucht Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen mit vorhandenen Theorien und Debatten, um nicht immer wieder bei null anzufangen. Fünftens: Diese Kämpfe können auch ganz fix vereinnahmt werden vom Kapitalismus, dem alten Schlingel. Wir müssen also immer wieder mit anderen über unsere Strategien diskutieren. Sechstens: Selbstbestimmung und Selbstorganisierung sind wichtig, es geht ums Einüben von etwas Neuem, was beim Weg zur Revolution und danach unverzichtbar ist. Es braucht die Erfahrung, wie es ist, die eigene Lebenswirklichkeit mit anderen zusammen zu verändern – einen Unistreik zu organisieren, eine Nazidemo zu blockieren, ein autonomes Jugendzentrum hochzuziehen. Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht, als stünde die Revolution kurz bevor, ist es also wichtig, schon mal anzufangen.

Zum Weiterlesen & -hören:

– Frank Engster und Rüdiger Mats über alte und neue Wege zur Revolution

– Alexander Neupert-Doppler: Utopie, theorie.org, 10 Euro.