Maschinenwinter is coming

Was Maschinen mit Gesellschaft zu tun haben und warum ein Luxuskommunismus nicht nur voll-automatisiert, sondern auch voll öko sein sollte.

Stell dir vor, morgen ist Revolution und übermorgen leben wir im Kommunismus. Was wir dann alles mit den vielen Smartphones, Computern und den Maschinen, die in den ganzen Betrieben herumstehen, anfangen könnten! Zum Beispiel eine Online-Bibliothek einrichten, in der alle jemals produzierten Bücher, Filme und Songs abrufbar sind. Oder wir könnten die Computer einsetzen, um weltweit die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen abzufragen, in komplexe Berechnungen einfließen zu lassen und dann unsere Arbeitsabläufe danach zu gestalten. Internet, Roboter und Produktionsmaschinen: Für manche Linke steckt darin bereits das Potential einer Gesellschaft, die alle Menschen gut versorgen kann. Doch können wir einfach so die Maschinen des Kapitalismus für die befreite Gesellschaft benutzen? Wird für ihre Herstellung und ihren Betrieb nicht viel Energie verbraucht, mit den bekannten klimaschädlichen Folgen? Und überhaupt: Machen uns die Maschinen nicht mehr Stress, als dass sie uns helfen?

Kapitalistische Maschinen

Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant und trotzdem müssen wir nicht weniger, sondern mehr und intensiver arbeiten. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Milliarden Menschen, denen es an Überlebensnotwendigem mangelt. Dieser Quatsch gehört seit jeher zu Logik des Kapitalismus: Technik und Maschinen sind in ihm allein Mittel, um aus Geld noch mehr Geld zu machen. Es geht nicht darum, mit den immer klüger werdenden Maschinen besonders nützliche, hochwertige Dinge herzustellen, sondern Produktionszeiten zu verkürzen und Arbeiter_innen zu ersetzen.
Die Automatisierung von Produktionsprozessen hat in den letzten Jahrzehnten ordentlich zugenommen. Jedes Unternehmen versucht so günstig und schnell wie möglich zu produzieren, um einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu haben. Die beschäftigten Lohnarbeiter_innen sind dabei oft der teuerste Produktionsfaktor. Darum versucht ein Unternehmen, viele Fertigungsschritte zu automatisieren, d.h. die Arbeit von Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Automatisierung ist für Unternehmen also ein wichtiges Mittel zur Gewinnsteigerung. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen hat dazu geführt, dass immer mehr und immer effizientere Maschinen gebaut werden.

Reißen wir uns nach dem Ende des Kapitalismus also all die modernen Maschinen unter den Nagel, damit die weltweit sieben Milliarden Menschen gut leben können? So einfach ist es leider nicht. Denn die Maschinen des Kapitalismus sind nicht dafür entworfen worden, der Befriedigung unserer Bedürfnisse zu dienen. Zum einen sind nicht etwa diejenigen Tätigkeiten automatisiert, die für den Menschen besonders lästig oder gefährlich sind, wie der Abbau seltener Erden oder Erntearbeit. Zum anderen ist die Beschaffenheit und Arbeitsweise der Maschinen nicht unseren Bedürfnissen untergeordnet. Der Einsatz vieler Maschinen macht die Arbeit sogar oft erst langweilig und öde. Das Fließband gibt z.B. vor, wie schnell die Menschen arbeiten müssen. Maschinen und ihre Funktionsweise verkörpern also immer die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Wirtschaftsweise.
Müssen wir also die kapitalistischen Maschinen abwracken und ganz von vorne beginnen? Nein, wir glauben, dass wir viele der kapitalistischen Maschinen für unsere Zwecke umbauen und einsetzen könnten. Aber auch die Entwicklung neuer, kommunistischer Maschinen wird notwendig sein, um Arbeiten zu unterstützen, die sonst zu lange dauern würden oder um sie ganz zu übernehmen, weil niemand sie machen möchte. Eine Kloputzmaschine wäre bestimmt die erste Anschaffung nach der Revolution! Der Zweck solcher Maschinen ist dann die Bedürfnisbefriedigung und nicht die Maximierung von Gewinnen.

Die ökologische Seite der Technik

Doch nicht nur die Bedürfnisbefriedigung allein sollte maßgeblich dafür sein, wann wir welche Maschinen einsetzen. Denn was nützt der Luxuskommunismus, wenn unter ihm das globale Ökosystem und damit unsere Lebensgrundlage kollabiert?

Maschinen verbrauchen Energie und produzieren Abfälle. Dazu gehört auch das Internet: Facebook verbrauchte 2012 für seine Datenzentren so viel Strom wie eine deutsche Großstadt. Und wenn du jede Woche einen Film über Streaming-Dienste wie Netflix schaust, verbraucht das im Jahr mehr Strom als zwei Kühlschränke. Warum? Weil Daten gespeichert und verteilt werden müssen. Die Datenzentren, in denen die Filme von Netflix liegen, verbrauchen Energie, ebenso die Stationen im Netz- werk zwischen diesen Datenzentren und deinem Computer oder Smartphone.
Im Kapitalismus sorgen Energiegewinnung, z.B. durch Kohlekraftwerke, und Abfallentsorgung, z.B. im Meer, für mitunter katastrophale Veränderungen des globalen Ökosystems. Technische Neuerungen können außerdem ziemlich unliebsame Folgen haben. So hat der zunehmende, weltweite Güterverkehr massenhaft verschiedenste Tierarten von einem Ende der Welt ans andere verschleppt. Wenn große Container-Schiffe nicht vollständig beladen sind, werden sie mit Meerwasser betankt, um sicherer im Wasser zu liegen. Dabei werden haufenweise Lebewesen eingepumpt, die dann irgendwann in ganz anderen Weltregionen wieder freigesetzt werden. Das macht die lokalen Ökosysteme kaputt und sorgt für Artensterben. Davon abgesehen laufen die meisten Container-Schiffe mit ziemlich versautem Benzin. Ganz schön dirty!
In der befreiten Gesellschaft könnten wir zwar viele Probleme mithilfe cleverer Maschinen und Informationssysteme lösen. Diese sind aber nicht einfach ohne Rohstoff- und Energieverbrauch zu haben. Klar, wenn wir erstmal den Kapitalismus überwunden haben, fallen viele Hindernisse weg, die bisher verhindern, Kohle- und Atomkraftwerke einfach abzuschalten und auf erneuerbare Energiequellen zu setzen. Denn dann wird die Stromproduktion nicht mehr dem Profitinteresse von Unternehmen untergeordnet sein, sondern gemeinschaftlich organisiert. Weniger klar ist aber, wie schnell wir die bestehenden Energiequellen durch regenerative Energiequellen ersetzen können. Und wenn wir einige saubere Kraftwerke aufgebaut haben, müssen wir vielleicht noch immer auf bestimmte Gemütlichkeiten verzichten. Vielleicht reicht die so erzeugte Energie, um gemeinschaftlich genutzte E-Autos zu betreiben und Wassermelonen nach Bedarf mit Schiffen auf dem Globus zu verteilen. Aber um den Rasen in unseren Parks von Robotern mähen zu lassen, reicht sie dann vielleicht doch nicht aus. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass wir – zumindest am Anfang, vielleicht aber auf unabsehbare Zeit – nicht alles, was technisch möglich ist, auch umsetzen können.

Kommunistisches Naturverhältnis

Also Maschinen ja, aber schön öko, regenerativ, sauber? Moment mal: Was heißt das eigentlich? Dürfen wir dann gar nicht mehr oder nur minimal in die Natur eingreifen? Nein, das denken wir nicht. Ökosysteme verändern sich ständig (Evolution) und haben schon radikale Verwandlungen durchgemacht (fragt mal die Dinosaurier). Wir haben uns noch nie auf dem Planeten bewegt, ohne ihn zu verändern. Es kann also nicht darum gehen, eine vermeintlich unberührte Natur zu bewahren.

Viele ökologische Katastrophen beruhen auf dem Verhältnis, das wir zur Natur einnehmen. Aus Sicht des Kapitals ist Natur wahlweise eine billige Rohstoffquelle oder eine Mülldeponie. Bodenschätze, Pflanzen und Tiere werden nutzbar gemacht, in Wäldern und Meeren wird Plastikschrott und Giftmüll entsorgt. Die Natur bekommt eine Rolle zugewiesen, die allein der Kapitalverwertung dient. Dieses Verhältnis zur Natur zerstört die Lebensgrundlage vieler Lebewesen, nicht zuletzt die der Menschen selbst. Wie könnten wir dem entgegen ein Naturverhältnis umsetzen, das nicht auf Beherrschung und Ausbeutung basiert? Im Gegensatz zum Kapitalismus wird in der befreiten Gesellschaft gemeinschaftlich darüber entschieden, was, wie viel und wie produziert wird. Wir sind genauso abhängig von der Natur, wie sie durch unsere Art zu wirtschaften und zu leben geformt wird. Darum werden wir abwägen müssen, wie unsere Handlungen und Techniken die Welt gestalten. Manchmal wollen wir dann z.B. keinen tollen neuen Badesee anlegen, weil dieser Ein- griff in das Ökosystem die lokale Grünspecht-Population zu sehr belasten würde.
Der Klimawandel zeigt, wie verheerend die gewaltsame Zurichtung der Natur durch den Kapitalismus sein kann. Wie wir die Welt gestalten werden und welche Technologien wir dafür einsetzen möchten, können wir gerade kaum vermuten. Sicher ist aber: Gemeinschaftliches Wirtschaften und Natur sind voneinander abhängig. Ohne den Einsatz von Maschinen, die diese Abhängigkeit berücksichtigen, wird ein Kommunismus nicht zu machen sein.

Zum Weiterlesen:

  • Murray Bookchin, Die Neugestaltung der Gesellschaft, 1992, ca. 16 Euro
  • Gruppe für den Organisierten Widerspruch, »The Communist‘s Guide to Technology«
  • Dietmar Dath, Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus, 2008, 10 Euro