Eine rechte Bewegung namens Islamismus

…und wie sich unsere Kritik von anderen (vermeintlichen) Islamismuskritiker_innen unterscheidet
Die mediale Berichterstattung weltweiter Bedrohung durch islamistische Gewalt nimmt seit einigen Jahren stetig zu: Bombenanschläge in Nigeria durch Boko Haram, die Angriffe in Paris, Misshandlungen und Folter durch den Islamischen Staat (IS). Dabei gibt es islamistische Ideologien schon lange. Im 20. Jahrhundert werden sie zur politischen Grundlage in vielen Ländern, beispielsweise im Iran seit 1979. Islamismus hat sich von einem Randphänomen zur derzeit bestorgansierten rechten Bewegung weltweit entwickelt, die für viele Menschen eine ernsthafte und alltägliche Gefahr darstellt.
Die Entwürfe von Staat und Gesellschaft, wie sie von islamistischen Strömungen angestrebt werden, gründen auf der Scharia, dem islamischen Recht. Dieses soll in allen Lebensbereichen gelten. Darunter leiden dann Frauen, Homosexuelle, Andersgläubige oder transgeschlechtliche Menschen, darunter auch Muslime und Muslima, die ihre Religion anders leben. Aber auch nur „ganz normale“ Jugendliche haben dann nichts zu lachen: So haben IslamistInnen im Gazastreifen etwa Internetcafés, Musikläden und Spaßbäder bombardiert, geschlossen, angegriffen – weil Gott Zocken, Tanzen, Musik hören und Planschen angeblich nicht gut findet.

Islam ≠ Islam?!
Der Begriff Islamismus leitet sich von Islam ab. Es ist nicht möglich, von dem einen Islam zu sprechen. Diese Religion gibt es schon seit weit mehr als tausend Jahren und sie besteht aus vielen verschiedenen Strömungen und Traditionen, von Sunniten über Schiiten, von Aleviten bis hin zu Salafisten. Sie alle beziehen sich auf den Koran, aber sie interpretieren ihn sehr unterschiedlich. Wie in jeder Religion nimmt auch der Islam im Leben des Einzelnen einen unterschiedlich hohen Stellenwert ein. Islamismus wiederum ist eine Ideologie, die sich auf den Islam bezieht und ihn stark politisch interpretiert. Die Mehrheit der Muslime hat nichts mit den Gräueltaten der Islamistinnen und Islamisten zu tun, im Gegenteil sind sogar die meisten Opfer Muslima und Muslime. Ekelhafte Rassist_innen blenden das aus: Für sie ist Islamismus und Islam einfach nur das Gleiche. Will man nicht in deren Fußstapfen treten ist es also notwendig, hier zu unterscheiden.
Islamistinnen und Islamisten selbst verstehen die von ihnen gelebte Religion als den einzig wahren Islam und somit alle anderen Strömungen als falsch. Islamistische Gruppierungen setzen sich mit unterschiedlichen Mitteln dafür ein, dass der Islam zur Grundlage des gesellschaftlichen und politischen Systems wird, dschihadistische Gruppen wie al-Qaida und der IS tun dies mittels Terror und Gewalt, andere Gruppierungen wie die ägyptische Muslimbruderschaft vorrangig durch politische Einflussnahme.

Where do they come from, and where do they go…
Dass Islamistinnen und Islamisten mit ihren ziemlich verrückten Ansichten nicht alleine dastehen, hat viel mit der Entwicklung der Welt nach dem formellen Ende der Kolonialherrschaft zu tun. Oftmals übernahmen am Westen orientierte Militärdiktaturen die Macht. Die neu entstandenen Staaten befanden sich in der internationalen Ordnung bald weit abgeschlagen. Islamismus ist auch eine Reaktion auf diese von vielen Menschen als tiefe Krise und Herabwürdigung der muslimischen Welt empfundene Situation.
Diese Krise besteht in den Augen der Islamistinnen und Islamisten aber nicht erst seit gestern und auch nicht erst seit dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft. Sie hat sich lediglich verschärft. Der Zeitpunkt, an dem die Welt angeblich noch in Ordnung war, liegt im 7. Jahrhundert. Damals entstand ein islamisch geprägtes Großreich, das sich in seiner Hochphase von Nordafrika über die Arabische Halbinsel bis nach Europa erstreckte. Alles was sich Islamistinnen und Islamisten wünschen, finden sie in dieser glorreichen Zeit wieder – als Männer noch Männer, Frauen noch Frauen, und Gott der Star in der Manege war. An diese Zeit soll nun durch die Errichtung eines neuen muslimischen Weltreichs und die Einführung des traditionellen islamischen Rechts angeknüpft werden. Dass das Leben damals wahrscheinlich nicht so toll war, spielt dabei keine Rolle. Der Traum von der verlorenen einstigen Größe eines islamischen Weltreiches hat für den aktuellen Islamismus größte Bedeutung.

Osten oder Westen – wer sind die Besten?
Die empfundene und teilweise reale Krise der islamischen Länder wird von Islamistinnen und Islamisten nicht nur mit einem schwachen islamischen Glauben erklärt, sondern vor allem auch mit einem äußeren Feind: dem Westen. Der Westen ist der Inbegriff des Unglaubens bzw. des falschen Glaubens. Eine Art Reaktion auf all die, die im „Westen“ behaupteten, dass dieser Fortschritt bedeutet und jenseits dessen der Rückschritt regiert. Als Westen fällt in den Augen des politischen Islams dann neben den USA und Westeuropa auch noch Israel, dass sich auf angeblich islamischen Boden befindet und grundsätzlich im Weg steht. Als jüdischer Staat ist das Land dabei ein besonderer Dorn im Auge, denn Antisemitismus ist ein zentrales Element der islamistischen Ideologie. Für den Judenhass werden allerlei Koranzitate herangezogen und die Kränkung der islamischen Welt wird oftmals besonders an Israel, dem angeblichen ‚Fremdkörper‘ in der Region, festgemacht. USA, Westeuropa, Israel, Juden … all diese Gegner würden ‚dem Islam‘ seine Rolle in der Welt nicht zugestehen.
Die Situation vieler Menschen in Regionen, in denen Islamismus großen Zuspruch erfährt, ist dabei nicht besonders gut, keine Frage. Dafür sind jedoch in erster Linie politische und ökonomische Faktoren entscheidend, die sich als direkte Auswirkungen der früheren kolonialen Ordnung zeigen. Dass sich einige Staaten in der kapitalistischen Konkurrenz am Weltmarkt nicht gegen die westlichen Industriestaaten durchsetzen konnten und bis heute die undankbare Rolle von Rohstofflieferanten spielen, ist mit Sicherheit nicht die Folge des richtigen oder falschen Glaubens. Islamistinnen und Islamisten stilisieren diese angeblichen Verschiedenheiten jedoch zu einer islamischen Identität, die sich gegen den Rest der Welt durchsetzen muss.

Und wie damit nun umgehen?
Für eine linke Praxis ist es zuerst wichtig, sich mit der Geschichte des Islams und der Entstehung des Islamismus zu beschäftigen. Auf der einen Seite muss Islamismus als politisches Phänomen diskutiert werden, das sich durch Religion rechtfertigt und Menschen weltweit bedroht und Gewalt und Terror mit sich bringt. Kniffelig wird es in Deutschland dadurch, dass auch unsympatische politische Zeitgenoss_innen à la PEGIDA was gegen Islamismus haben; aber die richten sich weniger gegen dessen Ideologie – Frauen- und Schwulenrechte finden die auch eher komisch – sondern in rassistischer Manier gegen Muslime. Der Kampf gegen Islamismus ist also notwendigerweise nicht nur von den jeweiligen Argumenten, sondern auch von Ort und Zeit abhängig. So wird er in Berlin anders geführt werden müssen als derzeit in Kobanê in Syrien. Auf der anderen Seite geht es darum, Religionen allgemein zu kritisieren und deren unemanzipatorische Stoßrichtung herauszustellen. Denn vieles, was religiösen Fundamentalismus ausmacht und seinen Anhänger_innen in die Hände spielt, ist in Religionen an sich bereits angelegt.
Bei dieser Kritik ist es wichtig, sich nicht auf Homogenisierung, also die scheinbar unveränderliche Gleichheit von Gruppen, einzulassen. Die Unterscheidung „der böse Islam“ und die guten Anderen werden wir nicht mitmachen, denn hinter dieser vermeintlichen „Islamkritik“ der selbsternannten Verteidiger_innen des Abendlandes verbirgt sich nichts anderes als stumpfer antimuslimischer Rassismus. Und trotzdem ist es wichtig, Islamismus – mit den richtigen, emanzipatorischen Argumenten – als politischen Feind zu benennen. Denn genau wie andere reaktionäre Bewegungen sorgt er für massenhaftes Leiden und Elend und gehört entschieden bekämpft.

Zum Weiterlesen:
Gruppen gegen Kapital und Nation: „Der Islamismus — Konsequenz, Erbe und Konkurrent eines unzufriedenen arabischen Nationalismus“

Floris Biskamp: „Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun“

Kritik&Praxis (Berlin): „Islamismus. Kulturphänomen oder Krisenlösung? Eine Broschüre.“