„Don‘t tell me sexism does not exist!“

Interview mit Kate Nash
Kate Nash ist Musikerin, Feministin, hatte ihren ersten Nummer-1-Hit mit 20 und hat nun vor kurzem ihr drittes Album „Girl Talk“ veröffentlicht. Wir sprachen mit ihr über Sexismus in der Musikbranche, ihr politisches Engagement in Ghana und Rassismus in England.

SAZ: Du hast eine neue Band, dein eigenes Record Label, spielst jetzt Bass und kein Klavier mehr. Warum hast Du das neue Album mit Crowdfunding finanziert?

Kate Nash: Ich hatte gerade eine eigenartige Zeit, hatte ziemlich viel Scheiße erlebt und wollte mich da einfach durcharbeiten, ich habe weiter an meinem Album geschrieben. Wenn ich das Album nicht veröffentlicht hätte, wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden, das war wichtig für meine seelische Verfassung. Während der Produktion hat mich das Label plötzlich gekickt.

Deine Musik ist teilweise sehr persönlich. Du hast in einem Interview gesagt, dass du in Songs bestimmte Sachen ausdrücken kannst, die Du sonst nicht sagen könntest. Wie fühlst Du dich, wenn Du solche Lieder dann vor Hunderten Menschen spielst und die Aussagen von Dir mitsingen, die mal sehr schmerzhaft waren?

Letztes Jahr waren viele der Dinge, um die es in meinen Songs geht, noch sehr aktuell für mich. Ich dachte mir dann „was tue ich hier eigentlich?“ Ich versuche darüber hinwegzukommen, jede neue Nacht schlage ich mich damit herum und dann muss ich mich beim Singen ständig daran erinnern. Manchmal bin ich kurz davor, auf der Bühne zu weinen. Aber es wird einfacher nach einiger Zeit und die Songs verändern sich und lassen mich an etwas anderes denken.

Stoppst Du Dich dann und machst Dich hart, weil das irgendwie als „unprofessionell“ gilt oder weinst Du einfach?

Also es wäre schon okay für mich, gerade vor meinen Fans. Sie kennen meine Texte und manchmal denke ich, sie verstehen mich dann.

Nur wenige Künstlerinnen bezeichnen sich selbst als Feministin und stellen sich gegen Sexismus. Björk hat zum Beispiel gesagt: „Wenn ich mich selbst als Feminist bezeichnen würde, dann würde ich mich isolieren“. Was denkst Du bei solchen Aussagen?

Ich kann schon verstehen, warum sie das so sagen, denn Feminismus hat leider einen schlechten Ruf. Manche Leute glauben, dass Feministinnen angeblich nur Männer hassen würden. Dabei gibt es viele Diskussionen und nicht einen klaren Feminismus. Für mich ist Feminismus etwas ungemein positives, es empowert mich, und es ist toll, wenn ich mich für Frauen einsetzen kann und wenn ich die Situation für Mädchen verbessern kann. Ich finde, Frauen und Mädchen sollten die Möglichkeit haben, ihre Entscheidungen selbst zu treffen, anstatt sich die ganze Zeit anhören zu müssen, dass sie nicht gut genug sind oder dass sie dieses oder jenes nicht erreichen können. Es sollte möglich sein, selbst zu bestimmen, wie wir leben wollen.

Im Rahmen der „Because I Am A Girl“-Initiative bist Du auch nach Ghana gereist, hast mit Menschen vor Ort zusammen Musik gemacht. Wie hast Du das wahrgenommen, gibt es nicht auch Gefahren, als weiße, reiche Sängerin in die Fallstricke von „White Charity“ zu fallen und Rassismus, ohne es zu wollen, zu reproduzieren?

Ich hatte nicht das Gefühl einer Hierarchie und es ist auch nicht wirklich „Charity“,weil ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich zu empowern. Zum Beispiel geben sie den 15-jährigen Mädchen dort die Mittel, um ihr Leben selber in die Hand nehmen zu können. Ich habe auch erlebt, wie diese Mädchen mit anderen über Dinge reden wie sexuelle Übergriffe, Mobbing und Verhütung.

Du hast auch Leute unterstützt, die nach den Riots in London 2011 obdachlos geworden sind. Wir haben es hier nur über die Medien mitbekommen, aber wie schätzt Du die Rolle von Rassismus als Auslöser der Riots ein?

Es ging bei den Riots am Anfang vor allem um Rassismus, es hat ja damit begonnen, das ein schwarzer Junge von einem Polizisten erschossen wurde. Die Proteste verselbständigten sich dann und es ging nicht mehr um Rassismus, sondern um Probleme der englischen Arbeiter_innenklasse. Davon hat sich die Familie des ermordeten Jungen dann distanziert. Die Riots wurden dann in anderen Städten nachgemacht, aber nicht wegen dem ursprünglichen Grund.

Vom britischen Staat gibt es gerade eine Kampagne, bei der Leute ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung anonym angezeigt werden sollen. Kriegst Du davon was mit?

Sowas gibt es halt, wenn es eine rechte Regierung gibt. Aber generell merkt man, dass etwas schief läuft. Ich glaube manchmal, ich wäre in einer Blase aufgewachsen: Ich hatte sehr liberale Eltern, ich war auf einer Performing Arts School, dort waren auch verschiedenste Leute, verschiedene Sexualitäten und Religionen. Ich bin mir sicher, dass es viele Probleme mit Rassismus gibt, auch mit antisemitischen Attacken, aber ich nicht davon direkt betroffen bin, also kann ich nicht sagen, wie es sich anfühlt.

Warst Du in feministischen Gruppen involviert? Hast du neben Deiner Musik noch Zeit für Aktivismus oder für feministische Bücher oder Texte?

Ich nahm an einem Projekt für junge Mädchen teil, bei dem sie Instrumente lernten und Gedichte schrieben. Es war großartig zu sehen, wie sich die Mädchen entwickelt haben. Das war wirkliches Empowerment, denn es geht vor allem um Selbstbewusstsein. Diese Scheiß-Mädchenmagazine geben ihnen ein schlechtes Gefühl, erzählen ihnen, sie wären hässlich und fett. Darüber haben wir viel geredet, bevor wir dieses Projekt gemeinsam umsetzten. Am Anfang haben sie es kaum geschafft, vor der Klasse aufzutreten und am Ende haben sie vor über Hundert Leuten performt. Ich hoffe, dass ich nach der Tour die Zeit finde, das nochmal zu machen. Ich versuche so etwas auch während meiner Konzerte, dass ich so eine Art Vorbild bin. Viele erzählen mir danach, dass sie jetzt eine Band starten wollen oder ihre Gitarre wieder aus dem Keller geholt haben. Sonst hab ich noch bei Veranstaltungen wie „Rock gegen Rassismus“ in London gespielt.

Siehst Du dich selbst als Riot Grrrl?

Ich denke schon. Das kam aber wohl eher nach dem ersten Album, weil ich ziemlich viel Sexismus erlebt habe. Überall waren Männer im Business: Am Anfang habe ich das nicht richtig bemerkt, aber ich habe regelmäßig einen Raum betreten, und dort waren nur zehn Männer und keine einzige Frau. Ich wollte daran etwas ändern, innerhalb meiner Band und in den Bands, mit denen ich spiele.

Wir kommen ja aus einer politischen Ecke, wo kapitalistische Konkurrenz mehr als nur kritisch gesehen wird. Nun ist Empowerment wahnsinnig wichtig, aber wenn alle empowert sind à la „Ich kann alles“ etc., dann befördert das eben auch die Konkurrenz. Und Konkurrenz macht das Leben eben nicht besser, sondern zur Hölle. Was kommt nach dem Empowerment, wie können wir diese Konkurrenz los werden?

So etwas verändert sich, wenn sich jemand wirklich gut fühlt. Wenn du nicht das haben willst, was andere haben. Wetteiferndes Verhalten hat auch was mit dem Gefühl, nicht geschätzt zu werden zu tun. Ich habe die Schulmädchen beobachtet, sie haben alle einen verschiedenen Background, es gab ein Goth-Kid, das Popular Girl oder wie auch immer. Sie haben dann die Gedichte, die sie geschrieben haben den anderen vorgelesen und sich gegenseitig gratuliert. Sie haben sich unterstützt. Das hat sich nicht wie ein Wettbewerb angefühlt. Es kommt wohl darauf an, was man für eine Idee von „Empowerment“ hat. Wenn du jemandem sagst: „Du bist es wert, du bist genau so wichtig wie alle anderen, probiere aus worauf du Lust hast“ dann bringt man die Leute nicht dazu, gegeneinander zu konkurrieren.

Zum Weiterlesen:
Artikel in der Jungle World zur rassistischen „Go Home“-Kampagne in England

Katja Peglow/Jonas Engelmann (Hrsg.), Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung, Ventil Verlag 16,90 Euro.

Lilly Lent/Andrea Trumann, Kritik des Staatsfeminismus. Oder: Kinder, Küche, Kapitalismus, 2015, 7,90 €