Lustig ist‘s Verfolgtenleben?

Über die Diskriminierung und Verfolgung von Roma und Sinti, einen bisher fast vergessenen Teil des nationalsozialistischen Vernichtungswahns, und die Kontinuitäten in der heutigen Gesellschaft.

„Wir versprechen eine Endlösung der Zigeunerfrage“, lässt die ultrarechte tschechische „Nationale Partei“ in einem Werbespot verlauten. In Frankreich werden mehrere tausend Roma in den Kosovo abgeschoben. In Ungarn patrouillieren ultranationalistische Garden durch Roma-Siedlungen, um „die Bevölkerung vor den Zigeunern zu schützen“. In Italien warnt Berlusconi: „Milan darf nicht zu einer Zigeunerstadt werden.“ In Berlin sprechen Zeitungen von „Bettel-Roma“ und in Leverkusen werden Brandsätze auf ein Roma-Haus geworfen. Der Antiziganismus, also die konkrete Feindschaft gegen als „Zigeuner“ stigmatisierte, ist seit etwa zwanzig Jahren wieder am Erstarken und hat eine lange Vorgeschichte.

Existierten die „Zigeuner“ nicht…
Schon im Mittelalter wurden Roma und Sinti aus deutschen Städten und Gemeinden vertrieben und verjagt, während parallel die ersten Zuschreibungen und Stereotype entstanden: Zum Beispiel, dass sie andauernd umherziehen, betteln, stehlen, Kinder entführen und nicht arbeiten würden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma dann für angebliche „Kriminalprävention“ systematisch erfasst und es gab diverse „Umerziehungsversuche“. Oft wurden ihre Kinder in Heime gebracht.
Im Nazideutschland wurden ab 1935 die Nürnberger Rassengesetze, welche sich anfangs nur auf Juden und Jüdinnen bezogen, auch auf „Zigeuner“ angewandt. 1938 ordnete Himmler die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus“ an. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden insgesamt 500.000 Sinti und Roma in den Vernichtungslagern systematisch ermordet.
Doch auch nach 1945 setzte sich die Diskriminierung und Ausgrenzung fort. So entschied 1956 der Bundesgerichtshof bezüglich der Wiedergutmachungsansprüche von Roma und Sinti, dass diese bis 1943 nicht aufgrund von „rassenideologischen Gesichtspunkten“, sondern aufgrund der „asozialen Eigenschaften der Zigeuner“ verfolgt worden seien und ihnen insofern für die Verfolgung vor 1943 keinerlei Entschädigungszahlungen zuständen. Dieses Urteil wurde erst 1963 teilweise revidiert. Doch auch die lang erkämpften „Entschädigungen“ beliefen sich auf Zahlungen von höchstens 5000 DM pro Person. Erst 1982 wurde die gezielte Ermordung und Vernichtung, für welche heute der Begriff „Porrajomos“ („das Verschlingen“) verwendet wird, durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt als Völkermord anerkannt. Weitere Zahlungen gab es dennoch nicht. Und Sinti und Roma werden noch immer von staatlichen Behörden gesondert erfasst.

..der_die Antiziganist_in würde sie erfinden
Bis heute finden sich ausgeprägte antiziganistische Stereotype und Klischees in der Gesellschaft. Bei einer Umfrage des American Jewish Committee in Deutschland antworteten im Jahr 2002 mehr als die Hälfte der Befragten verneinend auf die Frage, ob sie sich Sinti und Roma als Nachbarn vorstellen könnten. Die Stereotypisierung sowie die daraus resultierende Verfolgung von Roma und Sint sind in der Gesellschaft, in der wir leben, kein Zufall: In einer Gesellschaft, in der Menschen nach ihrer Produktivität beurteilt werden, ist der Wunsch nach Faulheit illegitim und wird abgespalten und auf andere projiziert. Für das vermeintliche Ausleben der unterdrückten Begierde werden andere gehasst. Die „Zigeuner“ stehen im Weltbild des_der Antiziganist_in oft sowohl für Freiheit und Ungebundenheit als auch für Schmarotzertum und Arbeitsverweigerung. Der Hass auf vermeintlich Faule bringt auch die immerwährende eigene Angst vor dem Abgleiten in die „Asozialität“ als unproduktives Element in der nationalen Leistungsgesellschaft zum Vorschein.
Doch auch wenn der Antiziganismus erst im kapitalistischen Kontext richtig verstanden werden kann, darf das nicht verdecken, dass eine wesentliche Verbesserung der Lebenssituation von Roma und Sinti jetzt schon möglich ist! Genau so verhält es sich mit der Verhinderung von Übergriffen und Abschiebungen.

Zum weiterlesen:
http://antizig.blogsport.de
„Antiziganistische Zustände – Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments“, erschienen 2009 im Unrast-Verlag.

„Zigeuner“ ist eine in ihren Ursprüngen bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsbevölkerung und wird von den meisten Vertreter_innen als diskriminierend abgelehnt. Mit dem Wort „Zigeuner“ wurden in Deutschland jahrhundertelang negative Zuschreibungen verbunden. Anfang der 1980er Jahre hat sich in der deutschen Öffentlichkeit „Sinti und Roma“ als vermeintlich politische korrekte Bezeichnung eingebürgert. Dies ist allerdings nicht ausreichend, weil sich dadurch zahlreiche andere Gruppen unberücksichtigt fühlen, wie z.B. die Kale.