Culture? I’d rather kiss a wookie!

Kultur und Rassismus

Wem kommen folgende Aussagen nicht bekannt vor, sei es am elterlichen Abendbrottisch, in der U-Bahn oder in der Zeitung: „Muslime stehen der westlichen Lebensweise mit ihren demokratisch verankerten Freiheiten abneigend gegenüber. Sie bleiben deswegen unter sich, statt sich zu integrieren. Die Männer bestimmen über alle Lebensbereiche, während Frauen ungefragt Folge zu leisten haben. Sie sind unreflektiert und fanatisch aufgrund ihrer Religion.“ Leider handelt es sich bei dem Quatsch nicht um Einzelmeinungen: Drei Viertel aller nicht-muslimischen Deutschen gaben in einer Umfrage der Uni Bielefeld an, dass ihrer Meinung nach die „islamische Kultur“ nicht oder eher nicht in „unsere westliche Kultur“ passe – Kulturalisierung und anti-muslimischer Rassismus sind in Deutschland Alltagsphänomene.

Jedi Mind Tricks
Die obigen Bilder werden im Fall der Muslime verwendet, um jede_n einzelne_n mit bestimmten festgelegten Merkmalen zu versehen, sie somit als einheitliche Gruppe von der eigenen abzugrenzen und dann abzuwerten. Dabei wird dann gar nicht mehr gesehen, dass jemand zwar Eltern haben mag, die aus Saudi-Arabien kommen, deswegen aber noch lange nicht an Gott glauben muss. Oder, dass es Leute gibt, die zwar offiziell „muslimisch“ sind und an manchen Familienfeiern teilnehmen, das für sie aber ungefähr so viel oder wenig bedeutet wie wenn manche Christ_innen sich an Jesus’ Geburtstag mit Geschenken überhäufen. Uninteressant ist auch, ob jemand z.B. iranische Kommunistin oder syrischer Anarchist ist – das bestimmende Merkmal ist die vermeintliche Zugehörigkeit zur „islamischen Kultur“. Auch die Tatsache, dass es im Islam wie in allen Religionen viele verschiedene Denkschulen gibt, orthodoxe wie liberale, wird einfach mal so unter den Tisch fallen gelassen.
Dieses Phänomen nennt man Kulturalisierung: Menschen werden nach Lebensgewohnheiten, Traditionen, Verhaltensregeln usw. in Schubladen sortiert, jede_r bekommt die Aufschrift einer „Kultur“, und anhand dieser „Schubladenzugehörigkeit“ wird jede individuelle Person im Voraus eingeschätzt, behandelt und schließlich ihr Handeln beurteilt. Maßstab der Bewertung ist dabei immer die „eigene“ Kultur. Man weiß also schon vorher, wie der Erasmus-Student aus Brasilien so drauf ist – nämlich leidenschaftlich, körperbetont, gestenreich redend; wie der japanische Sprachlehrer tickt – immer freundlich lächelnd, workaholic, diszipliniert; und wie die Tochter vom türkischen Nachbarn unterwegs ist – vom Vater gegängelt, südländisch-temperamentvoll, und spätestens mit 19 zwangsverheiratet und schwanger. Klar gibt es lächelnde Menschen in Japan, leidenschaftliche Brasilianer_innen und Zwangsehen in der Türkei. Klar sind auch die Lebensumstände in verschiedenen Gesellschaften andere, und das wirkt sich manchmal auch darauf aus, wie Leute so denken, fühlen und handeln. Nur: Der Fehler geht da los, wo wir erstens davon ausgehen, dass diese Merkmale in homogenen „Kulturen“ zu finden seien, und zweitens denken, wir wüssten etwas über einen einzelnen Menschen, weil wir seine „Kultur“ zu kennen glauben. Aber was soll das eigentlich sein, dieses „Kultur“?

Die Sith vernichten wir müssen
Kultur ist sicherlich einer der schwammigsten und schillerndsten Begriffe überhaupt. Umgangssprachlich gemeint ist damit die Gesamtheit der Lebens- und Organisationsformen, Wertvorstellungen, die vorherrschende Geisteshaltung und die sich darauf beziehende soziale Ordnung einer Gruppe. Da in unserer Welt Nationalstaaten den Rahmen vorgeben, in dem sich Gemeinschaften von Menschen bilden, wird fast immer von „Nationalkultur” gesprochen. Manchmal ist auch die Rede von „Kulturkreisen“, also Gruppierungen mehrerer Nationalgemeinschaften, die über ihre Grenzen hinaus sich in den oben genannten Faktoren angeblich in irgendeiner Weise ähneln. Im Kapitalismus, in dem die Individuen in andauernden Verwertungsprozessen teils als Arbeiter_innen um Arbeit, teils als Unternehmer_innen um Profite gegeneinander konkurrieren, fühlen sich viele Menschen innerhalb der Nation als Teil von etwas Größerem. Sie erhalten so das Gemeinschaftsgefühl, das auch für die Vereinzelung in der Konkurrenz entschädigen soll. Die Kultur spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle, ist es doch die Schublade der „eigenen“ Nationalkultur, in der man Sinn und Identität finden kann. Kultur ist also eins der wichtigsten Konstrukte, über das eine Gemeinschaft sich selbst und andere Gemeinschaften definiert und beides voneinander abgrenzt. Und diese nationalen Kollektive stehen sich auf dem Weltmarkt wiederum als Konkurrenten gegenüber, weshalb der Kulturbegriff nicht nur den Begriff der (National-)Gemeinschaft unterstützen kann, sondern auch das markiert, was nicht Teil dieser Kultur und damit fremd ist. Schon die Wortwahl, mit der man eine „eigene“ und eine „fremde“ Kultur benennt, macht das anschaulich. Deutsche sind also ordnungsliebend, pünktlich, essen Sauerkraut und sind ein „Volk der Dichter und Denker“. Der Großteil der SaZ-Redaktion mit deutschem Pass findet sich zwar in diesen Attributen nicht wieder (obwohl manche Sauerkraut und Goethe mögen!), aber viele Menschen finden solche Zuschreibungen und das damit einhergehende „Wir“-Gefühl super. Das erfreut das Nationalist_innenherz. Kulturalisierung ist also zunächst einmal eine Verallgemeinerung, die sicher auch gut gemeint sein kann („US-Amerikaner_innen sind total kommunikativ!“), am Ende aber dennoch bei starren Zuschreibungen landet und die Leute in eine Art kulturelles Korsett schnürt. So bei der Idee des „Multikulturalismus“: Auch im peace-and-harmony-mäßigen „Nebeneinander der Kulturen“ werden Leute auf bestimmte Identitäten festgelegt. Einerseits werden dadurch die tatsächlichen Verhältnisse des Zusammenlebens von Menschen romantisiert: Die super gegenseitige Verbundenheit und Treue, die z.B. an griechischen Familienbetrieben so toll sein soll, blendet das ökonomische Zwangsverhältnis aus, das dazu führt, dass wohl oder übel alle mit anpacken müssen. Andererseits ebnet Multi-Kulti den Weg für rassistisches Denken im Alltag, welches nicht nur an sich scheiße ist, sondern auch die Basis für die falsche Analyse sozialer Auseinandersetzungen liefert. So haben z.B. Arbeitslosigkeit und Gewalt an Schulen, wenn es Leute mit „Migrationshintergrund“ trifft oder sie daran beteiligt sind, dann „natürlicherweise“ etwas mit der „Kultur“ der „nicht-deutschen“ Menschen zu tun, und nichts mit den rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft – etwa der Tatsache, dass Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ von Lehrer_innen bei gleicher Leistung seltener Empfehlungen fürs Gymnasium bekommen. Bei der Außenpolitik geht es dann auch nicht mehr um die verschiedenen Interessen von Staaten, nein, da findet angeblich ein „Kampf der Kulturen“ statt. Kulturalisierung führt also zur Entpolitisierung von gesellschaftlichen Konflikten, zur Ausblendung von sozialen Ursachen – aus Politik wird Kultur.

Das Imperium schlägt zurück
Zoom back to the Muslims: Rassismus bedeutet heutzutage nicht mehr nur, dass Menschen auf der Basis angeblich „natürlicher“ Merkmale, wie ihrer Hautfarbe, diskriminiert werden. Wichtiger wird stattdessen der Bezug auf eben „kulturelle“ Unterschiede, man spricht entsprechend auch von „kulturellem Rassismus“. Im Gegensatz zu einer aufgeklärten und differenzierten Kritik jeder Religion, wie wir sie natürlich sinnvoll finden, werden also „die islamische Kultur“ und „die Muslime“ verallgemeinert und heraus kommt ein anti-muslimischer Rassismus. Dieser basiert in Deutschland vor allem auf der Angst vor der „Verwischung“ oder gar „Auflösung“ einer vorherrschenden „deutschen Leitkultur“ durch ein Zuviel vom „Fremden“ in der deutschen Gemeinschaft. Spätestens die seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ offen geführten Diskurse zum Thema zeigen dabei, dass die Angst vor einer kulturellen Übernahme durch die „islamische Kultur“ schon länger unter der Oberfläche des ach so aufgeklärten und friedlichen Nationalismus schlummerte, welchen Germany sich gerade aufarbeitet. Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts vom letzten Jahr empfindet weit mehr als die Hälfte der Deutschen Muslim_innen als eine Belastung für die deutsche Volkswirtschaft. Wer also das Privileg genießen will, hier zu sein, darf diese Gemeinschaft nicht verwässern und schwächen. Unter dem Label der „Integration“ müssen alle sich anpassen. Weil der Kulturbegriff aber eng mit Herrschaft und Rassismus verknüpft ist, nützt jede Anstrengung zur geforderten Integration im Endeffekt nichts: Menschen mit Migrationsgeschichte, die teilweise schon in der dritten Generation in Deutschland leben, können sich noch so verbiegen, doch sie werden einfach nicht „richtig deutsch“. Absurd dabei: An den Diskursen zum Thema nehmen sie immer nur als Vertreter_innen ihrer „kulturellen Gruppe“ teil, nie als Menschen mit individuellen Meinungen, womit die „kulturelle Verschiedenheit“ betont und Abgrenzung aufrecht erhalten wird.
Da wundert es nicht, wenn diese Menschen irgendwann aufhören, sich gegen die ihnen aufgedrückten Stereotype zu wehren und diese übernehmen, um, mangels Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, eine eigene Gruppenidentität für sich zu konstruieren. Wie soll man sich denn auch zugehörig fühlen, bei Begriffen wie „christlich-jüdisch geprägtem Abendland“ oder „deutscher Leitkultur“? Niemand scheint sich darüber zu wundern, dass mit diesen Begriffen die lange Geschichte muslimisch-arabischer Einflüsse auf Europa ausgeblendet wird. Und dass die Deutschen den größten Teil der „jüdischen Kultur“ noch vor wenigen Jahrzehnten beinahe ausgelöscht haben, wird da ebenfalls nonchalant übergangen. Diese Begriffe sind eben Auswüchse eines Kulturalismus, der ein Innen und Außen ideologisch umrissener Gemeinschaften bedeutet.

Eine neue Hoffnung
Was machen mit dem Scheiß? Wir wünschen uns natürlich weiterhin, dass Thilo Sarrazins Buchtitel Programm wird und Deutschland sich abschafft. Fans von dieser Mehrheitsgesellschaft sind wir nämlich nicht, auch wenn wir es hinnehmen müssen, dass der Besitz des deutschen Passes und eines deutschen Schulabschlusses viele Vorteile bzw. weniger Probleme für Menschen bedeutet, die hier leben. Aber das wünschen wir uns ohne Pässe und Abschlüsse, eben für alle Menschen überall. Bis dahin ist es auf einer individuellen Ebene sicherlich nett, nicht zu meinen, dass man was über Haruki, Amadi, Tracy, Aaron, Coskun oder Tatjana weiß, nur weil sie aus sonst wo her kommen. Andererseits bedeutet das auch, dass man nicht zu jedem_r automatisch positiv Bezug nimmt, nur weil er_sie „fremd” ist. Außerdem: Solange in den Klonkriegen auf dieser Welt weiterhin in Kulturen gedacht wird, bleibt es den Rebell_innenarmeen überlassen, sich konkret Rechtspopulist_innen und anderen (anti-muslimischen) Rassist_innen entgegenzustellen. Möge die Macht mit uns sein.