On the run

Die überzeugte „Schwarzfahrerin“ Caro nimmt uns mit auf ihre täglich kostenlose Tour. Dabei verrät sie uns so einiges.

„Los, schnell rein hier!“, so begrüßt uns Caro auf dem U-Bahnsteig und wir drängeln uns in den vollgestopften Waggon mit den vielen anderen. Es ist voll und stickig. Die Leute sitzen und stehen dicht an dicht. Caro erzählt uns, dass das immer so um diese Zeit ist. „Die kommen grad alle von der Arbeit.“ Tatsächlich ist es so, dass die meisten Menschen entweder morgens oder abends die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. So sind auch die Fahrzeiten getaktet. Sie sorgen dafür, dass jede_r pünktlich an ihrem_seinem Arbeitsplatz erscheint. „Die sitzen hier immer wie die Zombies. Frühmorgens rein in die Fabrik, stundenlang ohne Pause schuften und spätnachmittags völlig kaputt nach Hause. Nee, ist nicht mein Ding. Und dann noch dafür bezahlen? Pff!“ Generell hat Caro was dagegen, dass man, egal ob‘s für die Busfahrt zum verabredeten Treffen mit Freunden oder für die U-Bahn nach einer durchzechten Nacht ist, auch irgendwas bezahlt. Wir fragen sie, wie lange sie schon ohne sich Tickets zu kaufen durch die Gegend fährt. „Ach, schon ’ne Weile. Glaub so vor‘n paar Jahren hat‘s angefangen. Da hat mich einfach alles genervt. Für jeden Kack muss man bezahlen.“ Ihrer Meinung nach könnte, wenn es anders organisiert ist, alles viel einfacher werden. Wir fragen weiter, ob sie schon mal erwischt wurde beim so genannten Schwarzfahren. „Anfangs ja, aber mittlerweile habe ich da so meine Tricks, obwohl es immer schwieriger wird, damit durchzukommen.“ Da hat sie nicht unrecht. Die Kontrollen nehmen stetig zu und der Ton wird rauer. Die meisten Verkehrsbetriebe stehen unter Druck. Die Menschen sollen immer höhere Preise bezahlen, obwohl sie sich immer weniger leisten können. Denn der Kapitalismus sorgt dafür, dass wenige viel besitzen und viele wenig oder kaum etwas. Und die, die viel besitzen, können das bezahlen oder brauchen keine Bahn und keinen Bus, denn sie düsen mit ihren teuren Wagen und Jets umher. Caro findet das Bullshit und ist für eine kostenlose Mobilität aller Menschen, ihretwegen gern auch in Luxusvehikeln.
An der nächsten Station steigen wir erstmal aus und gehen hoch zur S-Bahn. Auf dem Weg zum Bahnsteig fragt Caro uns, ob wir wüssten, was eigentlich das Wort „schwarzfahren“ bedeutet und wo es herkommt. Sprache spielt in der Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Sie dient der Kommunikation, strukturiert unser Denken und ist immer auch Produkt sowie Spiegel der Gesellschaft. Das kann in einer rassistisch geprägten Gesellschaft nur heißen, dass auch unsere Sprache von Rassismus durchzogen ist. So eben auch hier, wenn auch unbewusst als selbstverständlicher Bestandteil der Alltagssprache. Weiterhin erklärt uns Caro den Ursprung des Wortes. „Der Begriff ‚Schwarzfahren‘“, so Caro, „kommt wie so viele Redensarten aus dem Jiddischen. ‚Shvarts‘ bedeutet arm – Schwarzfahrer_innen sind also Armfahrer_innen, die sich ein Ticket nicht leisten können.“ Und dies trifft auf eine Menge Menschen zu. Sinnverwandt taucht der Begriff auch in Wörtern wie „Schwarzmarkt“ und „Schwarzarbeit“ auf, welche dieselbe Wurzel wie „schwarzfahren“ haben und heute etwas Verborgenes und rechtlich gesehen Unerlaubtes bedeuten. Genau genommen ist es das aber gar nicht, denn der Gesetzgeber sagt nur, dass das Erschleichen von Leistungen verboten ist. Das heißt, wenn Ihr Euch mit einem Schild in die Bahn setzt oder beim Einsteigen in den Waggon nebenbei erwähnt, dass Ihr hierfür nichts bezahlt, dann gebt Ihr es ja öffentlich zu und habt Euch im Prinzip nichts erschlichen. Natürlich sieht das im Alltag ganz anders aus. Vierzig Euro muss man lappen, wenn man erwischt wird. Falls man einen Fahrausweis besitzt, ihn aber nicht dabei hat, kostet‘s nur sieben Euro. Na toll. Zudem tappen immer wieder ahnungslose Tourist_innen in den zum Teil undurchsichtigen Tarifdschungel. Kurzstrecke hier, Zeitkarte da, dazu noch Tarifbereiche A, B und xy – zahlen müssen sie alle. Hinzu kommt, dass man, falls man die Strafe nicht zahlen kann, schnell unfreundliche Inkasso-Unternehmen am Hals hat. Bei mehrmaligem Nichtzahlen kommt dann auch noch eine Strafanzeige bis hin zu Knast dazu. Kotz.
Am S-Bahnsteig angekommen, hören wir die Ansage, dass sich die nächste S-Bahn voraussichtlich um „wenige Minuten“ verspätet. Warten gehört ja zur Zeit mehr denn je dazu. Der Service wird weniger, aber die Preise steigen. Das ist zumeist die Auswirkung einer auf Gewinn angelegten Unternehmensphilosophie, wie sie im Kapitalismus im Buche steht. An allem sparen und noch mehr verlangen. Das merkt Caro auch in anderen Lebensbereichen und es nervt sie. „Da bezahlt man schon nichts und dann noch so was“, sagt sie verschmitzt. Ganz besonders schlimm mit den Verspätungen war es wohl im „Winter-Chaos“, berichtet sie uns. Zugleich war es aber auch eine gute Möglichkeit ohne kontrolliert zu werden von A nach B zu kommen, denn es war nahezu unmöglich Kontrollen unter solchen Bedingungen durchzuführen. Dies macht sie sich auch heute noch zu eigen. Manchmal sucht sie sich extra volle Züge aus. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, unkontrolliert ans Ziel zu kommen. Eine Garantie ist es aber auch nicht. „Ein Auge für Kontrollettis muss man trotzdem haben.“, wirft sie ein. Neben den in Uniform der jeweiligen Verkehrsbetriebe gekleideten Angestellten arbeiten die meisten Kontrolleur_innen in zivil. Erkennen tut sie sie oft dennoch. Sie treten meist zu mehreren auf und sehen dabei auch irgendwie verdächtig aus. Und wenn der Zug dann anhält und die Türen aufgehen, verteilen sie sich ganz plötzlich an verschiedenen Türen. Auffälliges Merkmal ist zudem, dass meist eine_r aus der Gruppe ein Kontrollgerät um die Schulter hängen hat. „Dann sollte man lieber nicht einsteigen und einen anderen Zug nehmen. Am besten noch auf die Kontrolle hinweisen und so andere Freifahrer_innen warnen.“, rät uns Caro. Denn Solidarität ist selten geworden und jede_r kümmert sich um ihren_seinen eigenen Scheiß.
Endlich fährt der Zug ein. Wir blicken uns noch einmal um. Uns fällt eine Gruppe von Uniformierten auf und zögern deshalb. Caro gibt aber Entwarnung: „Security-Menschen, die tun meistens nichts.“ Sie fügt aber hinzu: “Ich hab trotzdem schon beobachtet, dass die gemeinsame Sachen mit den Kontrolletis machen und die Türen absichern. Nerven tun sie allemal, nicht nur, wenn sie grad mal wieder Wohnungslose in den Bahnhöfen drangsalieren.“ Also steigen wir erstmal ein. Tatsächlich wurden die Sicherheitsvorkehrungen zur präventiven Abschreckung in den letzten Jahren verstärkt. Aus Angst vor Terror und Gewalt werden immer mehr Bahnhöfe und Vorplätze mit Kameras ausgestattet und beobachtet. Big Brother lässt grüßen! Zudem patrouillieren meist schlecht bezahlte Sicherheitsbedienstete auf Leiharbeitsbasis. Auch die Kontrolleur_innen sind häufig unterbezahlt und frönen ihrer auf Zeit und Erfolg ausgerichteten Lohnarbeit.
Der Waggon hier ist schon ein wenig leerer und wir können sogar Sitzplätze ergattern. Endlich sitzend fragen wir sie, ob sie sagen könne, wo und wann häufig kontrolliert wird. „Naja, die großen Umsteigepunkte auf jeden Fall. Und zeitlich eigentlich von früh bis spät. Besonders zu Stoßzeiten, also Rush-Hour und so. Ich habe auch schon mal mitbekommen, dass die abends um zehn kontrollieren, um die party people abzugreifen.“ Aufgefallen ist ihr auch, dass besonders oft dort kontrolliert wird, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, Leute zu erwischen. Neben besagten Knotenpunkten sind es vor allem Gegenden, die von sozialer Benachteiligung geprägt sind. Denn die Menschen, die dort leben, können es sich eben kaum leisten, sich jedes mal teure Tickets zu kaufen. Sie werden doppelt abgezockt. Oft sind dies Menschen mit Migrationshintergrund.

„Nächste Station: Karl-Marx-Platz.“, ertönt es aus den Lautsprechern. Caro möchte hier aussteigen und alleine weiterziehen. Sie verabschiedet sich von uns und hofft, dass das eine oder andere für uns interessant war. Wir wünschen ihr weiterhin alles Gute und allzeit freie Fahrt. Caro verschwindet im Getümmel der Menschen und wir haben mal wieder eine bemerkenswerte Frau kennengelernt, die ihren Weg in dieser beschissenen Gesellschaft fährt.

CARO SAYS
• Sucht Euch Menschen, die Euch kostenlos mitnehmen können (Freunde die ein Abo, eine Umweltkarte etc. haben)!
• Manchmal findet Ihr noch gültige Fahrscheine auf Bahnhöfen rumliegen bzw. werden sie sogar von netten Menschen angeboten – ist zumindest eine preiswerte Alternative.
• Sagt den Busfahrer_innen, Ihr hättet nur große Scheine dabei, dann haben die meist keinen Bock auf Wechselgeldgeschichten und Ihr seid auf der sicheren Seite!
• Nicht genutzte/abgestempelte Tickets bei der DB können zurückgegeben werden und Ihr erhaltet den Großteil des Geldes zurück.
• Informiert Euch über Freifahr-Aktionen!
• Macht auf Kontrollen aufmerksam, so dass auch andere Freifahrer_innen gewarnt sind!
• Solidarisiert Euch mit Betroffenen, hört zu und greift ein bei ruppigen Kontrollen!
• Macht Kontrollen zur Farce, kramt ewig nach Euren Tickets und lasst Euch alle Ausweise der Kontrolleur_innen extra zeigen!