Dasselbe in grün

Klimawandel, Ozonloch, Artensterben – mit der Erde geht es den Bach runter. Doch Rettung naht – denn Umweltschutz ist voll angesagt. Wirklich? Warum das eigentliche Problem übersehen wird…

Nachrichten über Umweltprobleme sind keine schöne Angelegenheit. Apokalyptisch wird davon berichtet, wie es die Gesellschaften der letzten 200 Jahre geschafft haben, dass die Meere immer leerer werden, dass es ein riesiges Artensterben gibt, dass mitten auf dem Ozean Massen an Plastikmüll zu finden sind… Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Wir leben in einer Zeit, in der das Gegenteil von dem praktiziert wird, was man einen sinnvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und Schadstoffausstoß nennen könnte. Es gibt so viel Plastik auf der Welt, dass sich Lösungsmittel wie Bisphenol A im Blut eines jeden Menschen nachweisen lassen.
Doch scheint es Grund für Hoffnung zu geben, denn Umweltschutz wird nicht mehr nur von irgendwelchen einflusslosen Ökos thematisiert. Nicht nur Al Gore, ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat, fordert, dass „wir es zu unserem Mantra machen müssen, grün zu wachsen“. Sogar der deutsche Industrieverband ruft zum Klimaschutz auf. Dabei gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie Umwelt- und Klimaschutz funktionieren sollen.

Konzept eins: appellieren, appellieren, appellieren.
Die Leute verhalten sich voll unöko – immer Auto fahren, fliegen, ständig neue Klamotten, Heizung an, aber Fenster auf. Sie sollen ihr Verhalten ändern – ausschließlich Energiesparlampen benutzen, Standby ausschalten, spezieller Sparaufsatz für die Dusche. Die, die denken, dass sich das Umweltproblem durch Appelle löst, nehmen an, dass die Menschen zu maßlos leben und ihr Verhalten ändern müssen. Wenn alle anders und bewusster konsumieren und sich anders verhalten, dann sind Umwelt und Klima gerettet.
Das Konzept klingt erst einmal schlüssig. Wenn alle Konsument_innen z.B. aufhören würden, Atomstrom zu kaufen und zu einem Ökostromanbieter wechselten, dann müssten die Atomkraftwerke schließen. Wir könnten es uns sparen, Jahr für Jahr ins Wendland zu fahren, um dort gegen Castor-Transporte zu demonstrieren. Warum passiert das also nicht? Zuerst fällt auf, dass der Strom nicht nur von irgendwelchen einzelnen Personen konsumiert wird. In der Industrie wird dreimal so viel Strom verbraucht. Zudem können eher die Besserverdienenden den ganzen Ökokram bezahlen. Ausschließlich im Bioladen einkaufen zu gehen kann sich nicht jede_r leisten.
Zudem bekommen die Konsument_innen ganz Unterschiedliches zu hören. Auf der einen Seite sagen die Grünen, dass man nicht mit dem Auto fahren solle, weil das sehr stark zur Klimaveränderung beiträgt. Andererseits kommen dann die Autohersteller und erzählen, wie umweltfreundlich und problemlos ihre Produkte seien. Und die Unternehmen versuchen mit allen erdenklichen Mitteln, Menschen dazu zu bringen, möglichst viel zu konsumieren. Wenn diese tatsächlich anfangen würden, das weniger zu tun, würde eine Wirtschaftskrise die Folge sein.
Es gibt sogar staatliche Programme, die das befördern, wie z.B. die Abwrackprämie, die während der Wirtschaftskrise dazu angeregt hat, sich ein neues Auto zu kaufen. Wenn die Leute also nicht weniger konsumieren sollen, sondern möglichst viele umweltfreundliche Dinge, dann stellt sich zuerst die Frage, ob Klima- und Umweltschutz technisch überhaupt möglich ist. Hier setzt die zweite Strategie an.

Konzept zwei: die Technik regelt‘s.
Fahrzeuge und Flugzeuge stoßen CO2 aus, Atomkraftwerke verursachen strahlenden, tödlichen Müll und der ganze Plastikschrott verrottet nicht und wird die nächsten 50 Jahre irgendwo rumliegen. Um mit diesen ganzen Problemen klarzukommen, schlagen viele vor, einfach neue Techniken zu entwerfen, die wenig CO2 ausstoßen, nicht radioaktiv sind und deren Müll verrottet. Klingt im Gegensatz zur ersten Strategie viel besser: Wir müssen uns nicht mehr die moralischen Verzichtsanweisungen reinziehen, können munter weiterkonsumieren, um den Globus fliegen und uns immer das Neuste vom Neusten zulegen. Wir benutzen nur noch die umweltfreundlichste Technik oder erfinden im Zweifelsfall die passende neue. Dann machen wir einfach so weiter wie bisher. Viele der technischen Möglichkeiten gibt es ja schon heute. Es gibt Passivenergiehäuser fast ohne Heizbedarf, die sogar in Regionen funktionieren, in denen die Durchschnittstemperatur unter null Grad liegt. Die ganzen Energiesparlampen brauchen nur einen Bruchteil der Energie von herkömmlichen Glühbirnen und es gibt Einkaufsbeutel, die sich selbst zersetzen.
Hier stellt sich die Frage, warum neue Techniken das Umweltproblem nicht schon längst behoben haben. Das mit den technischen Lösungen ist eigentlich ein alter Hut. Wenn man die heutigen Fahrzeuge mit denen vor dreißig Jahren vergleicht, dann ist der Verbrauch bereits sehr rapide gefallen. Trotzdem ist der Gesamtausstoß aller Fahrzeuge stark gestiegen und steigt weiter, weil es immer mehr davon gibt. Das Problem scheint also mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun zu haben. Die Technik wird zwar immer besser, doch die immer größer werdende Produktion führt dazu, dass der Ressourcenverbrauch und die Verschmutzung stets zunimmt. Hier setzt die dritte Strategie an.

Konzept drei: der Markt regelt‘s.
Das Schlagwort heißt nachhaltige Entwicklung und so sollte es funktionieren: Damit sich auf dem Markt irgendwas „regelt“, muss man das Problem zuerst in einem Preis ausdrücken. Denn der Ökonomie kann man nicht irgendwelche Anweisungen geben – „Wirtschaftet doch bitte umweltfreundlicher!“ Man braucht Angaben für anfallende Kosten, um hier politisch agieren zu können. Wie soll das nun ablaufen? Die Volkswirtschaftler_innen stellen sich das so vor: Umweltverschmutzung bedeutet Schadenskosten. So wie bei einem Autounfall die Kosten für den Schaden berechnet werden können, soll das auch für die Umwelt passieren. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dann gibt es die Klimakatastrophe, diese verursacht Überschwemmungen, die richten dann Schäden an. Es würde viel teurer werden an Trinkwasser zu kommen. Es wird öfter Starkregen, Hochwasser und Hurrikane geben. Diese Schäden liegen aber in der Zukunft und in der kapitalistischen Konkurrenz kann es sich kein Unternehmen leisten, an irgendwelche Schäden in der Zukunft zu denken. Also soll der Staat das regeln. Er soll die Umweltzerstörung in der Zukunft bestimmen und dafür sorgen, dass diese in den heutigen ökonomischen Rechnungen auftaucht. Die Umsetzung dieser Strategie findet sich z.B. in der Ökosteuer. Auf fossile Energieträger wird eine höhere Steuer berechnet als für Windenergie, weil erstere mehr Schaden in der Zukunft anrichten als letztere. Klingt super, es wird einfach ein bisschen rumgerechnet, Steuer erhoben und dann ist alles geklärt.
Zunächst fällt bei diesem Konzept auf, dass die Umwelt nur geschützt oder als schützenswert erachtet wird, wenn es ökonomische Kosten gibt. Das ist eigentlich ziemlich perfide: Gegen den Klimawandel wird nicht etwas getan, weil in der Zukunft Menschen an den Folgen leiden, sogar sterben könnten. Allein die ökonomischen Kosten sind dafür ausschlaggebend, etwas zu unternehmen. Heute wird auf vielen Konferenzen davon gesprochen, die Klimaerwärmung auf 2°C zu begrenzen. Klimaforscher_innen gehen dabei aber bereits davon aus, dass dies weitreichende Folgen haben wird und den Tod von Millionen von Menschen bedeutet. 2°C resultiert aus einer ökonomischen Rechnung, in der Kosten gegeneinander gestellt werden.
Zudem ist die Ökosteuer völlig ungerecht, denn dann verschmutzen die Leute die Umwelt, die sich das leisten können. D.h. die Menschen, die durch kapitalistische Ausbeutung reich werden, können weitermachen wie bisher. Es wird eine Ungerechtigkeit weitergeführt, die es auch global gibt. Heute stoßen die Menschen in Europa und Nordamerika 44% des weltweiten CO2 aus, obwohl hier nur 16% der Weltbevölkerung leben.
Es stellt sich vor allem die Frage, ob so was wie die Ökosteuer überhaupt etwas ändern kann. Das grundsätzliche Problem scheint das wirtschaftliche Wachstum zu sein. Es gibt immer größeren Ressourcenverbrauch und immer größere Verschmutzung. Der Energieverbrauch nimmt zu, der Autoverkehr, die Anzahl der Flüge, die jährlich verkauften Produkte. Warum? Wachstum ist aus zwei Gründen von zentraler Wichtigkeit im Kapitalismus. Zum einen ist das Ziel von Unternehmen Profit zu machen. Diesen macht man aber nur, wenn man immer weiter produziert. Zum anderen investieren Unternehmen ihren Profit immer wieder neu, um zu wachsen und damit besser in der Konkurrenz bestehen zu können. Da das alle Unternehmen versuchen, müssen sich alle daran halten, sonst gehen sie unter. Wachstum resultiert also aus der Profitorientierung und der Konkurrenz der Unternehmen untereinander und ist zentraler Bestandteil unserer kapitalistisch organisierten Ökonomie.
Dann ist das kapitalistische Wachstum zentraler Bestandteil des Kapitalismus und zentrales Problem der Umweltverschmutzung. Denn dieses Wachstum bedeutet immer höheren Ressourcenverbrauch und immer verheerendere Verschmutzung. Dadurch läuft das Anliegen, die Umwelt zu schützen, dem ökonomischen Interesse, möglichst viel Profit zu machen, völlig entgegen. Ist der Kapitalismus selbst die eigentliche Ursache für die Umweltverschmutzung?

Ums Ganze…
Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, die beständig daran arbeitet, Voraussetzungen für ihr eigenes Fortbestehen – wie die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen – zu untergraben. Durch das zwanghafte, profitorientierte Wachstum lässt sich nicht sinnvoll mit der Umwelt umgehen, denn die Verbesserungen in der Effizienz von Technologien werden vom Wachstum wieder überholt. Im Endeffekt steigt der Naturverbrauch und die Verschmutzung beständig.
Statt dies mal klar zu benennen, beschwören Ökonom_innen, Politiker_innen und auch viele Umweltschützer_innen mantrisch eines: die vermeintliche Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie. Das klingt dann auch ganz geschmeidig: „Nachhaltige Entwicklung“, „Green New Deal“, „Green Capitalism“. In diesen wohlklingenden Konzepten wird aber nicht darüber gesprochen, dass das zwanghafte Wachstum und, damit verbunden, der Ressourcenverbrauch und die Verschmutzung das eigentliche Problem sind. Um diese Konzepte plausibel erscheinen zu lassen, wird wild schöngerechnet: Der erste nennenswerte Rückgang der CO2-Emissionen im Industriezeitalter ereignete sich nach dem Ende des Realsozialismus. Damals musste der größte Teil der Industrie im „Ostblock“ aufgrund der kapitalistischen Konkurrenz schließen. Wenn hier also jemand „klimafreundlich“ war, dann schlicht wirtschaftlicher Rückgang. Trotzdem werden diese Zahlen stets als Erfolg des Klimaschutzes hochgehalten.
Warum wird nicht darüber gesprochen, dass kapitalistisches Wachstum das offensichtliche eigentliche Problem ist? Dann müsste man eine Menge mehr in Frage stellen als lediglich den eigenen Lifestyle, die Technologie oder die ökonomische Rechnung. Es geht um die Frage, wie man diese unglaublich bescheuert organisierte kapitalistische Ökonomie los wird, die an Profitmaximierung und nicht an Bedürfnissen orientiert ist. Erst dann wird es möglich sein, damit aufzuhören, an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen.

Zum Weiterlesen:
Stephan Kaufmann und Tadzio Müller: Grüner Kapitalismus. Krise, Klimawandel und kein Ende des Wachstums, erschienen 2009 im Karl Dietz Verlag Berlin, 269 Seiten, 19,90 Euro.