Es gibt immer was zu tun.

Eine Annäherung an den Kommunismusbegriff.

Aachen, Abschiebung, Armut, Ausbeutung, Ausgrenzung. Bargeld, Bildungsnot, Brauchtum, Bingo. Christen. Drogenfahnder. Existenznot. Faschismus. Gartenzwerge. Heino. Insolvenz. Judenhass. Krieg. Lohnarbeit. Mario Barth. Nazis. Opas Eisernes Kreuz. Preussen. Querfront. Repression. Schule. Tag der Heimat. Umweltverschmutzung. Von der Leyen. Werbung. Xavers Lederhosen. Yahoo. Zivilpolizisten.

Das ist eine kleine Auswahl der Dinge, die wir in dieser Gesellschaft so richtig scheiße finden. Wir sagen nicht, dass der Kapitalismus für all das verantwortlich ist. Aber er hängt mit all dem zusammen. Zusammen ergibt das ein Bild. Das Bild einer Gesellschaft, in der wir nicht leben wollen. Wir wollen alles anders machen. Wir wollen eine Gesellschaft, die sich nicht die Produktion von Profit, sondern das höchstmögliche Glück aller auf die Fahnen schreibt. Wir wissen nicht, wie das geht. Wir wissen nur, wie es nicht geht. Indem wir sagen, was wir im Hier und Jetzt falsch finden, entsteht nach und nach ein anderes Bild. Eines davon, wie wir leben und arbeiten wollen und es hoffentlich auch einmal tun. Für das, was wir nicht klar beschreiben können, haben wir einen Namen. Da wir keinen besseren Begriff haben, nennen wir es Kommunismus.

Alles anders anders
Um es ganz knapp und mit den Worten anderer zu formulieren: Kommunismus meint eine Gesellschaft, in der alle selbst bestimmt und frei (entsprechend ihren Fähigkeiten) die Arbeit, die gemacht werden muss, verrichten und (entsprechend ihren Bedürfnissen) am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben. Eine Gesellschaft, die so organisiert ist, dass sie den Reichtum der Erde nutzt, verwaltet und ihn zugleich nachhaltig bewahrt. Eine Gesellschaft, die das Leid der Menschen – sei es der mangelnde Zugang zu Ressourcen und Teilhabe, sei es Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung – abschaffen will.

Dieser Kommunismus wurde bis jetzt nicht durchgesetzt. Er ist eine Utopie. Im Griechischen: U-Topia; übersetzt: Ein Nicht-Ort. Etwas, das zeitlich und räumlich weit weg von uns scheint. Größer könnte unser Ziel nicht sein. Doch wir sind angetreten, die ersten zaghaften Schritte auf diesem langen Weg zu gehen.

Der erste Schritt dahin ist die Analyse und die Kritik des Bestehenden. Nur indem wir sagen, wie wir nicht leben wollen und was an dieser Gesellschaft falsch ist, können wir im Anschluss daran sagen, wie eine künftige Gesellschaft aufgebaut sein soll.
Diese Bestimmung des Kommunismus im Ausschlussverfahren nennen wir Negation. Also befassen wir uns zuerst mit der bestehenden Gesellschaft und ihren Merkmalen.

I. Wirtschaft
(ein- und weiterführende Literatur hierzu siehe Straßen aus Zucker #1)
Das grundlegende Prinzip einer Gesellschaft ist immer die Art und Weise, in der sie produziert. Auf das Hier und Jetzt bezogen ist das die Marktwirtschaft. Auf dem Markt begegnen sich Produzent_innen und Verkäufer_innen. Voraussetzung für diese Begegnung ist das Privateigentum der Produktionsmittel. Diejenigen, die Fabriken, Maschinen und das nötige Kleingeld besitzen, kaufen Rohstoffe und Arbeitskraft auf dem (Arbeits-) Markt ein. Der Witz dabei ist, dass sie weniger für diese Arbeitskraft bezahlen, als sie an Wert erwirtschaftet. Den Gewinn reißen sich die Produzent_innen aber nicht unter den Nagel und stecken ihn unter die Matratze: Sie müssen ihn wieder investieren, um gegen ihre Konkurrent_innen zu bestehen und noch mehr Profit zu erwirtschaften, den sie wieder investieren müssen, um wieder… Es ist ein Teufelskreis. Somit ist klar, dass nicht für die Bedürfnisse der Menschen produziert wird, sondern entsprechend den Marktgesetzen. Die Verlierer_innen sind diejenigen, die nichts haben außer ihre Arbeitskraft: Sie werden ausgebeutet. Denn diejenigen, die kein Kapital besitzen, sind ja gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um in der Gesellschaft „überleben“ zu können.

Eine Gesellschaft ohne Ausbeutung hat sich einiger ökonomischer Bedingungen und Prinzipien zu entledigen. Etwa des Privateigentums an Produktionsmitteln, der Lohnarbeit und des Austauschs des gesellschaftlichen Reichtums auf dem Markt, der über Geld vermittelt wird.

II. Politik und Gesellschaft
Der bürgerliche Staat ist das, was der Kapitalismus aus sich selbst hervorbringt, um sich vor sich selbst von außen zu schützen. Puh. Harte Worte. Der bürgerliche Staat stellt die politische Verwaltung der kapitalistischen Wirtschaft dar. Sein Auftrag lautet nicht, als Staat einzelnen Kapitalist_innen Vorteile zu verschaffen. Sondern als Staat des gesamten Kapitals, den wirtschaftlichen und sozialen Erhalt der Nation zu gewährleisten. Indem er den Bezugspunkt des bürgerlichen Nationalismus darstellt, stellt er die Grundlage für Ausgrenzung, Unterdrückung und die Unterordnung der Einzelnen unter die Zwecke der Nation. Nationalismus, das nur nebenbei, ist aber nichts rein Halluziniertes oder Fiktives. Indem die Mitglieder einer Gesellschaft tatsächlich mehr oder weniger von der Positionierung ihrer Nation auf dem Weltmarkt profitieren und gleichzeitig von ihr abhängig sind, haben sie ein reales Interesse am nationalen Wohl. So wird eine eigentlich irrationale Ideologie zu einem allgemeingültigen Gedanken, der den meisten Menschen rational erscheint. Mit der Geburt bekommt jede_r Einzelne ein Schicksal vorgegeben: Das der Staatsbürgerschaft.
Natürlich wird Nationalismus von jeder_m Einzelnen reproduziert, aber die Stätte der Geburt legt den Rahmen fest, der Nation heißt. Man sucht sich seinen Nationalismus nicht aus, sondern das Interesse am Wohle der Nation entwickelt sich zwangsläufig aus den Umständen, in denen man lebt und dem Pass, den man mit sich trägt. Die Nation macht ihre Mitglieder zu Konkurrent_innen und gleichzeitig zu Kompliz_innen gegen die anderen Nationalökonomien auf dem Weltmarkt. Dass aus dem ökonomischen Wettstreit der Nationen auf dem Weltmarkt nur Wenige Gewinner_innen hervorgehen, muss eigentlich nicht betont werden. Und indem der Staat den Markt und seine Gesetze garantiert, gewährleistet er einen mächtigen Schutz für die Ausbeutung der Lohnabhängigen.
Durch die parlamentarische Demokratie erhalten die Bürger_innen nicht die Möglichkeit, aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und sie auch im Detail mitzubestimmen, sondern nur die Möglichkeit, ihre Zustimmung zu dem einen oder dem anderen Verwaltungspersonal einer ausbeuterischen Gesellschaft zu bekunden.

Festzuhalten ist: Eine freie und gleiche Gesellschaft kann nur Realität werden, wenn der bürgerliche Staat und seine Instrumente sowie die parlamentarische Demokratie überwunden sind. Sie werden in einer Gesellschaft, die auf Vernunft beruht, nicht mehr notwendig sein bzw. durch eine direkte Form der Demokratie ersetzt werden. Wie aber kann diese direkte Demokratie aussehen?

Zurück in die Zukunft
Viele Worte, was am Hier und Jetzt zu kritisieren ist. Aber wie soll denn einmal alles besser sein? Wie soll das aussehen? Es wurde bis jetzt versucht darzustellen, was auf gar keinen Fall Bestandteil einer befreiten Gesellschaft sein kann: Der Kapitalismus und seine Elemente Privateigentum an Produktionsmitteln, Lohnarbeit und freier Markt. Der bürgerliche Staat mit seiner Zoll-, Sozial- und Wirtschaftspolitik; mit Justiz, Polizei und Armee; mit Parlament und Personalausweis.
Das heißt: Das, was wir Kommunismus nennen, muss anders funktionieren.

I. Wirtschaft
Eine künftige Gesellschaft muss auf radikal anderen Grundsätzen fußen, als dem Zwang zur Erwirtschaftung von Profit. Die Produktion aller lebensnotwendigen Güter muss sich an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an ihrer Verwertbarkeit auf dem Markt orientieren. Denn die Güter werden nicht hergestellt und auf den Markt geworfen, um zu sehen, ob es dafür eine zahlungskräftige Käufer_innenschaft gibt. Statt dessen müssen zuerst die Bedürfnisse der Menschen geklärt werden, nach denen dann produziert wird. Das stinkt zwar nach 5-Jahres-Plan, klingt aber auch geradezu bezaubernd nach: Mit ein bisschen Anstrengung ist mehr als genug für alle da. Es muss nur sinnvoll verwaltet werden.Und die steilste These kommt zum Schluss: Das funktioniert ohne Chef, ohne Stechuhr, ohne direkten Tausch und ohne Geld.
In einer Gesellschaft, in der tagtäglich entsprechend den Fähigkeiten und Bedürfnissen gearbeitet und dabei vernunftgeleitet agiert wird (Was muss alles gemacht werden? Ohne die Reinigung der Kanalisation funktioniert auch der schönste Kommunismus nicht, also muss es gemacht werden), geht man einfach in den Laden, wählt die Güter des persönlichen Bedarfes (die und nicht mehr, alles andere wäre unlogisch) und bezahlt mit einem Lächeln.
Noch eine steile These: Alle sehen ein, dass bestimmte Tätigkeiten durchgeführt werden müssen, damit die Gesellschaft funktioniert. Und alle machen sie, denn es kostet nicht viel Überwindung – und das aus mehreren Gründen. Erstens geschieht die Arbeit für die Allgemeinheit aus einer gewissen Einsicht in die Notwendigkeit. Zweitens fallen mit der Überwindung des Kapitalismus eine Vielzahl sinnloser Tätigkeiten weg. All die Armeen von Steuerprüfer_innen und Justizbeamt_innen, Callcenteragent_innen und Drücker_innenkolonnen, Ordnungsamtfuzzis und die Werber_innen, Kontrolettis, Panzergrenadiere und Schließer_innen, Fachmenschen für Bürokommunikation und privaten Securities haben nach der Revolution erst mal nichts mehr zu tun. Wenn man die zum Erhalt der Gesellschaft notwendige Arbeit gerechter auf alle Schultern verteilt und bedenkt, dass ohne die Krisen des Kapitalismus unglaublich viel Energie frei wird, die in die Automatisierung und Roboterisierung von stumpfen und ungeliebten Tätigkeiten (Kanalisation putzen zum Beispiel) gesteckt werden kann, kommt man zu dem Schluss, dass jede_r pro Tag nur noch 2-3 Stunden arbeiten muss. Schön, oder?

Auch wenn das alles etwas illusorisch und weltfremd klingt: Wir denken, dass das funktionieren kann. Schließlich ist der Mensch zumindest hypothetisch vernunftbegabt. Wir glauben auch, dass zurzeit die Ressourcen der Erde nicht effektiv, sondern verschwenderisch und irrational genutzt werden. Bei einer klugen und nachhaltigen Produktion ist es definitiv möglich, für Jede_n ein Höchstmaß an Wohlstand zu ermöglichen. Es ist möglich, die Bedürfnisse einer_s Jeden zu befriedigen. Schließlich werden in diesem Moment Unmengen an Lebensmitteln und anderen Gütern vernichtet, um die Preise stabil zu halten bzw. weil sich der Transport zu denjenigen, die darauf angewiesen sind, nicht rechnet, während auf der anderen Hälfte der Welt tagtäglich Menschen verhungern.
Luxus für alle ist keine Frage des ob, sondern des wie.

II. Politik und Gesellschaft
Wir streben eine Gesellschaft an, deren oberstes Ziel die Bedürfnisbefriedigung ihrer Mitglieder und die Garantie der größtmöglichen individuellen Freiheit ist. Das heißt, dass die freie Entfaltung jeder_s Einzelnen die Voraussetzung für die freie Entfaltung aller ist. Solange die einzelnen Menschen unter politischen und wirtschaftlichen Zwängen ( Arbeitszwang, Steuern zahlen, GEZ, Einreiseverbot in die Festung Europa,…) leben, kann die Gesellschaft als Ganzes nicht als frei bezeichnet werden. Im Konkreten: Die Teilhabe aller Individuen an allen Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, muss in vollem Umfang gewährleistet werden. Da das bei der Stellvertreterpolitik der parlamentarischen Demokratie nicht der Fall ist, muss man sich nach alternativen Lösungen umsehen.

Im Ideal eines freien und basisdemokratischen Zusammenschlusses von Menschen würde das heißen, dass alle Fragen des Zusammenlebens in Räten geklärt würden. Man trifft sich in Runden mit den Menschen, die direkt mit bestimmten Fragen des Zusammenlebens konfrontiert sind. Das könnte bedeuten, dass sich alle Bewohner_innen eines Wohnhauses zusammentun und die Rahmenbedingungen ihres Zusammenlebens klären. Die Abstimmung mit den anderen Kollektiven übernehmen Delegierte, die die komplexeren Organisierungsfragen im nächsthöheren Rat zu klären versuchen. Und so weiter.
Das alles ist höchst ungenau formuliert, allerdings gab es auch noch keine Situation, in der das Zusammenleben der Menschen wirklich frei und selbstbestimmt organisiert worden wäre. Es gab mit dem real existierenden Sozialismus zaghafte Schritte in diese Richtung. Sie sind kläglich gescheitert – an historischen Umständen und schrecklichen Fehlentscheidungen. Und letztendlich an dem Konzept, dass die relevanten Entscheidungen im großen Maßstab doch einer Gruppe von Wenigen überlassen wurde.

Doch die Tatsache, dass die hier skizzierte Gesellschaft noch nicht existierte, ist ein schlechtes Argument, sich diesem Versuch zu verweigern oder ihm seine Legitimation abzusprechen angesichts des Elends, Leides und Schreckens, die der Kapitalismus tagtäglich produziert.

Alle Menschen haben Handlungsmöglichkeiten.
Die Menschen sind, um es mit Jean-Paul Sartre zu sagen, zur Freiheit verdammt. Jeden Morgen entscheiden wir uns neu, ob wir das große Spiel mitspielen oder nicht. Das heißt, dass es nicht a priori unmöglich ist, die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse umzuwerfen. Die objektiven Zwänge, unter denen wir leben, werden tagtäglich von uns reproduziert. Alle Mitglieder einer Gesellschaft sind handelnde Subjekte, die die Gesellschaft zwangsläufig mittragen. Natürlich sind wir einer Vielzahl von Zwängen unterworfen, denen wir uns beugen müssen, wenn wir unseren Platz in der Welt behaupten wollen. Aber wir müssen uns auch bewusst sein, dass der Kapitalismus nur mit uns und durch uns funktioniert.

„Kein Mensch hockt außerhalb dieser Welt“, sagte Karl Marx und gab damit vor, was in unseren Händen liegt: Wir selbst bestimmen, in was für einer Welt wir leben und leben wollen. Solange wir aber glauben, dass es gar nicht anders geht als so wie jetzt, werden wir nie etwas verändern. Solange wir nicht von der tatsächlichen Möglichkeit der Utopie überzeugt sind, bleibt sie auch – nur eine Utopie. Je mehr wir glauben, dass eine befreite Gesellschaft unmöglich ist, umso mehr wird sie unerreichbar sein. Und je weiter sie entfernt scheint, desto energischer gilt es, für sie einzutreten.
Du bist Kommunismus!