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Neue SaZ erschienen

Die neue, vierzehnte SaZ beschäftigt sich mit der Frage: Was tun?! Gegen den aktuellen weltweiten Rechtsruck. Denn:

Es ist kein Geheimnis.

Die Zeiten sind hart. Nazis ziehen angstfrei durch die Straßen, Antifeministen streuen unbehelligt ihren Hass, Rassistinnen beherrschen die Kommentarspalten und die Stammtische. Munter marschiert die Reaktion. Was soll man machen angesichts der schieren Größe der Aufgabe, der Stärke der Menschenfeinde und der eigenen, individuell erfahrenen Ohnmacht? Dieser Frage stellt sich diese Ausgabe und sucht nach revolutionären Splittern, denn es gibt sie. Menschen und Gruppen, die der Gesamtscheiße etwas entgegensetzen, die Konzepte von Gegenmacht entwickeln, die sich organisieren, die laut und entschieden für die Freiheit und das gute Leben für alle einstehen, die kämpfen und sich umeinander sorgen, damit wir gemeinsam gefährlich sein können. Ihnen diese Ausgabe und euch allen als Ansporn.

Ausgabe hier als pdf zum Runterladen

Das Falsche vs. das Falsche … oder: Was tun?! Eine Einleitung in diese Ausgabe

Wann hören die schrecklichen Nachrichten endlich wieder auf? Warum werden halbwegs tolerante Positionen so massiv angegriffen, dass man es kaum mehr schafft, die wirklich menschenfreundlichen in die Diskussion einzubringen? Wir leben in hässlichen Zeiten. Extrem rechte Parteien sitzen im deutschsprachigen Raum in allen Parlamenten – oder sogar in der Regierung. Angriffe gegen Refugees geschehen so häufig, dass sie es selten mehr in die Nachrichten schaffen und selbst im ach so liberalen Berlin gibt es Gewalttaten gegen Menschen mit Kippa, Kopftuch oder gegen Transpersonen auf offener Straße. 88 Prozent der deutschen Bevölkerung wollen, dass sich Geflüchtete mehr „in unsere Kultur integrieren“, wobei Integration heute nichts anderes heißt als Drangsalierung und Menschenmaterial sortieren. Schauen wir über Kaltland hinaus, sieht es leider nicht besser aus: rechtsradikale Parteien gewinnen überall an Einfluss, faschistische Gruppen an Präsenz und autoritäre Staatsoberhäupter mit offenkundig rassistischen, sexistischen und anders gewaltvollen Positionen lassen sich in fast jeder Region als Erlöser der Nation feiern.

Die fast unlösbare Aufgabe

Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und ganz allgemein der Hass auf alles angeblich ‚Andere‘ sind keine neuen Probleme. Trotzdem können wir beobachten, wie immer mehr dieser Standpunkte offen vertreten werden können. Die Lage wird dadurch erschwert, dass unsere politischen Gegner*innen aus den verschiedensten ideologischen Richtungen kommen. Wir müssen Trump und Putin, antimuslimische Rassist*innen, Antisemit*innen, Islamist*innen und selbsternannte Lebensschützer*innen aller Religionen bekämpfen – zum Teil sind das sogar Leute, die sich selbst als links verstehen. Und das, ohne mit dieser Kritik in die Nähe der Argumentation ihrer genauso menschenfeindlichen Gegner*innen zu geraten. Dazukommen noch die, die auch AfD, Trump & Co. scheiße finden. Und dann an denen vor allem kritisieren, dass sie angeblich von „den Unterschichten“ gewählt würden, die keine Lateinschule besucht haben und sich zu wenig zur Ich-AG optimieren. Wenn sich die Mehrheit für ein buntes, offenes Deutschland ausspricht, ist gemeint, dass als nützlich eingeordnete „Ausländer*innen“ in Deutschland arbeiten sollen. Mit dem guten Leben für alle oder wenigstens einer ordentlichen Rassismuskritik hat das nichts zu tun.
Das Falsche kämpft also überall gegen das Falsche. Dagegen eine kluge Kritik zu formulieren, nicht eine falsche Seite gegen die andere falsche zu verteidigen, darum muss es gehen. Doch was sind überhaupt die Gemeinsamkeiten von AfD, Trump und Islamischem Staat, von Hamas und Pegida, von Leuten, die Ideologien wie Chemtrails oder 9/11-„Wahrheiten“ anhängen? Und warum sind sie gerade so erfolgreich?

Wir sind wir gegen die Anderen

Zur Frage der Gemeinsamkeit: Auffällig ist erstmal, dass alle diese Strömungen eine autoritäre Revolte von „uns“ gegen „die da oben“ wollen. Die Eliten sind immer die Korrumpierten und gut sind dagegen: Identität und Souveränität. Wir sind Wir! Und wir sind wieder wer oder sollen es werden. Den autoritären Bewegungen geht es nicht um generelle Abschaffung von „oben“ und „unten“, von Herrschaft über Menschen, sondern darum, dass die „Falschen“ oben seien. Volk, Nation und Kultur sollen als angeblich ewig Festes und Undurchdringliches die vermeintlich
fehlende Souveränität erringen. Diese werde wahlweise eingeschränkt von anderen Nationen, von den wurzellosen kosmopolitischen Eliten, von den USA und Israel oder gleich den Juden, vom „Westen“, von der angeblichen Political Correctness. Dieses „Wir“ des Volkes, der Nation oder der Gemeinschaft derer, die irgendwas bereit sind zu glauben, versteht alles als Angriff, was die Auflösung ihrer starren Welt- und Menschenbilder vorantreiben könnte: emanzipierte Frauen, geschminkte oder auch nur nicht so mackerige Männer, Schwule, Lesben, Transpersonen usw. Damit werden Leute, die sich nicht in das Unabänderliche und Normierte des Schicksals, der Nation, des Aberglaubens fügen wollen oder können, zu Feind*innen erklärt, das Gegenteil der Autorität zur Bedrohung: Alles Unklare, Uneindeutige, Fließende und Schöne. Das Glücklichsein ohne Arbeit, ein Leben ohne Härte zu sich und anderen.

Abgehängte und Chancenlose?

Warum schlägt uns dieser Hass aber gerade jetzt von allen Seiten entgegen? Diese ganzen Einstellungen gab es ja lange schon, aber wie massiv sie sich äußern, ist neu. Eine populäre Erklärung in der Linken sieht dafür die zunehmenden Abstiegsängste als Grund an: Leute, die sich vor Alter und Krankheit fürchteten, deren Rente nicht mehr reiche, suchten Schuldige und fänden „die Ausländer“. Doch das greift zu kurz, es übersieht die verrohte Mittelschicht von rechtsradikalen Intellektuellen und den Unternehmer*innen bei der AfD. Die Erklärung wirkt irgendwie beruhigend, denn dann wären es nur ein paar verzweifelte Arbeitslose in der Provinz, Abgehängte, die niemals zu großem Einfluss kommen könnten. Sie hätten nur Angst und die müsste man ihnen nehmen, am besten mit guten Jobs in der Industrie und dann käme alles in Ordnung.

Der Schwächste fliegt

So einfach ist es leider nicht und trotzdem hat der Erfolg autoritärer Bewegungen mit materiellen Verhältnissen zu tun: Die weltweite Wirtschaftskrise seit 2007 scheint überwunden, doch die nächste kommt bestimmt. Und überall heißt es, Du musst mehr aus Dir machen, die Konkurrenz schläft nicht. Du bist nichts, mach was aus dir, bück Dich hoch! Die Folge ist das Gefühl von Ohnmacht. Dass man sich mit Fleiß und Bildung vor dem sozialen Abstieg schützen kann, wird nicht einmal mehr behauptet. Das Gegenteil, der ständig drohende Absturz in Arbeitslosigkeit und Armut, wird zur Dauerschleife: Nichts ist mehr sicher. Lebenslanges Lernen, das etwas Schönes sein könnte, wird zur Drohung. Menschen machen die reale Erfahrung, dass sie die Gestaltung eines angenehmen Lebens nicht in der Hand haben. Das hatten zwar auch die Generationen davor nicht, aber im Rückblick wird vieles verkitscht. Außerdem hatten viele aus der Groß-/Elterngeneration in westlichen Staaten wenigstens die Aussicht, lebenslang an das selbe Scheiß-Unternehmen gekettet zu sein und zumindest nur an Langeweile zu sterben. Die Groß-/Eltern in östlichen Staaten unter der Rute eines vorgeblichen „Kommunismus“ sowieso. Heute ist die Langeweile durch die allgegenwärtige Angst ersetzt, überall austauschbar zu sein.

„Der Lynchmob ist krank vor Neid/ Auf das Fünf-Sterne-Hotel im Asylantenheim“

Die Angst vor sozialem Abstieg macht noch niemanden zum Nazi. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Bereiche des Lebens über Konkurrenz organisiert sind, begünstigt aber einen bestimmten Typ von Charakter, der als autoritäre Persönlichkeit bezeichnet werden kann. In Reaktion auf das unmenschliche und feindselige Umfeld der kapitalistischen Gesellschaft bildet er genau diese Eigenschaften aus und vermutet hinter jeder Andersartigkeit eine Bedrohung. Er kann Verschiedenheit nicht ertragen und versucht sich über das Festhalten an altbekannten Ordnungsstrukturen Sicherheit zu verschaffen. Da diese starre Ordnung ihn vor seiner Verunsicherung durch die Ohnmachtserfahrung schützt, sucht er nach starken Autoritätsfiguren, mit denen er sich identifiziert. Alles Zarte, Schwache und Eigensinnige wird abgelehnt – in sich selbst und bei anderen. Es bastelt sich ein Selbstbild des starken Helden und alle Eigenschaften, die da nicht reinpassen, werden auf andere Gruppen projiziert: Oder haben die vielleicht sogar ein besseres Leben? Während man sich selber alles entsagt, weil Lehrjahre waren ja keine Herrenjahre – und dann waren die besten Jahre schon vorbei! Und während man durch den knallharten Wecker morgens um fünf Uhr geweckt zur Frühschicht fährt, kommen irgendwelche nutzlosen Chaot*innen gerade erst von der Party nach Hause. Sicher eine Orgie von meinen Steuergeldern, schießt es da in den Kopf. Der Frust über die Ohnmacht im eigenen Leben schlägt in Wut und Hass auf die Anderen um.

What now?

Diese sozialpsychologische Figur ist natürlich nur ein Modell und kein rechter Schläger, kein Männerrechtler und keine Fanatiker*in des politischen Islam oder Christentums wird ihm ganz entsprechen. Auch soll kein Verständnis für die vermeintlich Armen und Verängstigten hervorgerufen werden, um Arschlöcher dann in den Arm zu nehmen und sich ihren Scheiß anzuhören. Doch mit dieser Perspektive kann es gelingen, all das Falsche als Ausdruck einer völlig unvernünftig eingerichteten Welt zu verstehen und die einzelnen Kämpfe mit einem übergeordneten Ziel zu verknüpfen. Es ist nicht genug, auf die autoritären Kräfte nur zu reagieren und sie wieder an ihre Stammtische zurückzudrängen. Bürgerliche Toleranz und die Demokratie des kapitalistischen Staates reichen uns nicht, denn wir wollen das gute Leben für alle, we want everything. In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns damit, wie sich die Gesamtscheiße aufhalten
lässt, also mit der Frage: Was tun?!

Zum Weiterlesen:
Volker Weiß, Die Autoritäre Revolte, 2017, 20 Euro.
Thomas Ebermann, Audiovortrag, im Gespräch mit Katja Kipping.
T.W. Adorno, Studien zum Autoritären Charakter, 1973, 20 Euro.
Klaus Theweleit, Das Lachen der Täter, 2015, 23 Euro.


Es ist kein Geheimnis.

Die Zeiten sind hart. Nazis ziehen angstfrei durch die Straßen, Antifeministen streuen unbehelligt ihren Hass, Rassistinnen beherrschen die Kommentarspalten und die Stammtische. Munter marschiert die Reaktion. Was soll man machen angesichts der schieren Größe der Aufgabe, der Stärke der Menschenfeinde und der eigenen, individuell erfahrenen Ohnmacht? Dieser Frage stellt sich diese Ausgabe und sucht nach revolutionären Splittern, denn es gibt sie. Menschen und Gruppen, die der Gesamtscheiße etwas entgegensetzen, die Konzepte von Gegenmacht entwickeln, die sich organisieren, die laut und entschieden für die Freiheit und das gute Leben für alle einstehen, die kämpfen und sich umeinander sorgen, damit wir gemeinsam gefährlich sein können. Ihnen diese Ausgabe und euch allen als Ansporn.

„Die gefährlichste Gang der Stadt ist die Antifa“

So hyperventilierte einst Heinz Buschkowsky als rechts-konservativer SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln. Hatte er damit ausnahmsweise mal Recht? Geht so. Denn tatsächlich gibt es „die“ Antifa genauso wenig als einheitliche Gruppe oder Bewegung wie „den“ schwarzen Block. Eine Straßengang ist sie auch nicht. Die Antifaschistische Aktion ist vielmehr ein vielseitiger politischer Kampf gegen die Faschist*innen in den letzten 90 Jahren – inklusive Diskussionen um die richtige Kritik, um Strategien und Konzepte.

Wo Antifa herkommt

Die Anfänge der Antifa liegen in den 1920er und 30er Jahren. Kommunistische und sozialdemokratische Gruppierungen organisierten damals einen „roten Massenselbstschutz“ gegen die Nazis und setzten damit die antifaschistische Bewegung in Gang. Die Machtübergabe an die Nazis zu verhindern wurde später zum wichtigsten Ziel – ohne Erfolg. In den 1960er und 70er Jahren richteten sich linke Bewegungen in der BRD gegen die weiterhin vorhandenen faschistischen Tendenzen in der Gesellschaft und manche rechte Dorfkneipe verschwand. So richtig fame wurde Antifa aber erst wieder mit der autonomen Bewegung der 1980er und als in Folge der deutschen „Wiedervereinigung“ 1990 ein nationalistischer Taumel in weiten Teilen der Bevölkerung ausbrach, der von Rostock-Lichtenhagen bis Mölln in Angriffen auf Geflüchtetenunterkünfte und in rassistischen Morden gipfelte. Die antifaschistische Bewegung wurde größer und die Gruppen diverser. Naziveranstaltungen wurden militant verhindert und Geflüchtetenunterkünfte gegen angreifende Rassist*innen verteidigt. Dazu haben Antifas immer viel recherchiert, um Nazis und ihre Organisationen outen zu können. Gleichzeitig wurden Bündnisse mit bürgerlichen Gruppen aufgebaut und Ansprechpartnerinnen für die Presse zur Verfügung gestellt. An großen Demos beteiligten sich sowohl Bürger*innen mit Peace-Fahnen als auch Antifas mit Helm und Sturmhaube. Begleitet von dauerhaften Auseinandersetzungen über die richtige Organisierung und Ausrichtung entstanden bundesweite Strukturen, aus denen sich später auch die Antifa von heute entwickelte. Entgegen vornehmlich weißen Gruppen gründeten migrantische Jugendliche die Antifaşist Gençlik (Antifaschistische Jugend) und gegen Macker-dominierte Gruppen organisierten sich Aktivistinnen in feministischen Antifa-Gruppen (Fantifa). Spielte sich das alles zunächst vor allem subkulturell in gesellschaftlichen Nischen ab, wurden Antifa-Gruppen in den 1990er Jahren zunehmend auch pop-kultureller, um ein breiteres Spektrum anzusprechen: schmissige Transpi-Sprüche, Konzerte und Partys, Antifa-Mode. Fast überall gab es fortan auch Jugendantifa-Gruppen. Es war also einiges los, und zwar mit Erfolg: Wo Antifa-Gruppen aktiv waren, gelang es teilweise, dass sich die Nazis ganz zurückzogen.

Antifa – mehr als gegen Nazis!?

Mit dem „Aufstand der Anständigen“ im Jahr 2000 geriet die linksradikale Antifa allerdings in die Krise: Der von SPD und Grünen regierte Staat sowie bürgerliche Gruppen etablierten, teils aus Überzeugung, teils aus Sorge um das Image des deutschen Wirtschaftsstandorts, einen staatlich getragenen Antifaschismus – gegen Nazis, aber für Deutschland. Linke Antifaschist*innen mussten ihre eigene Funktion hinterfragen. Denn natürlich ist es gut, wenn Menschen gegen Nazis sind. Aber wenn sie gleichzeitig nicht bereit sind, die Grundlagen von Nationalismus und Kapitalismus zu hinterfragen, dann bleiben die Ausgangsbedingungen für den Faschismus bestehen. Antifa war und ist immer auch Teil eines Kampfes für eine befreite Gesellschaft und richtet sich auch gegen den gesellschaftlichen Normalzustand mit all seinen Scheußlichkeiten. Gerade deshalb kann Antifaschismus nicht innerhalb der Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft verbleiben. Er muss sich vielmehr an den Bedingungen für eine grundsätzliche Befreiung orientieren.

Krasse Zeiten. Und alles muss man selber machen.

 Und wie sieht‘s heute aus? Tja. Eine grundsätzliche Befreiung von allem Schlechten steht offensichtlich gerade weder vor der Tür, noch groß zur Debatte. Stattdessen gewinnen Rechte im Web, in Talkshows und in Regierungen immer mehr Raum. Engagement gegen diesen Rechtsruck bleibt wiederholt an Linken hängen, obwohl man es eigentlich auch von Liberalen erwarten müsste. Die Bedingungen für erfolgreiche Antifa-Politik haben sich verändert und der Ernst der Lage scheint nicht klar zu sein. AfD und Co. gelten vielen immer noch als Rechtspopulist*innen, obwohl sie ein Programm vorantreiben, das eher einem modernisierten Faschismus gleicht. Und auch die Strategie von Parteien à la CSU, rechte Positionen ins eigene Programm zu übernehmen, zieht nicht mehr. Und all das treibt trotzdem nur selten Leute auf die Straßen. Von einer autoritären Politik, die Migrant*innen einfach im Mittelmeer ertrinken lässt und gegen Geschlechter-Gleichberechtigung wettert, fühlen sich offensichtlich nur wenige herausgefordert. Somit fehlen Antifaschist*innen die großen Bündnispartner*innen. Das klingt zwar alles nicht gerade ideal, aber Strategien gegen die Rechten können auch erfolgreich sein: Ob Antifas es nun in großen Bündnissen schaffen, dass auch bürgerliche Gruppen ihre Aktionsformen akzeptieren und sich beispielsweise an Blockaden beteiligen oder ob sie dezentral und militant die Anfahrt zu Nazi-Demos verhindern – machbar ist beides allemal.
Um mehr Menschen gegen Rechts ins Boot zu holen, muss antifaschistische Politik heute umdenken. Neben alten Bündnispartner*innen wie Gewerkschaften und Parteien giltes auch all die Menschen anzusprechen, die die autoritären Tendenzenbemerken oder direkt davon betroffen sind. Das sind vielleicht Geflüchteten-Initiativen, hedonistische Raver*innen oder engagierte Jugendliche. Ganz sicher aber auch Migrant*innen-Organisationen, deren Stimmen Antifas etwa im Zuge der NSU-Morde nicht hörten. Dabei sollte bei Bündnissen tatsächlich ein Gleichgewicht gefunden werden: Einerseits gilt es offen zu sein für Positionen, die auch mal ganz anders sind als die eigenen, andererseits gilt es, nicht die radikale Perspektive auf das schlechte Ganze zu verlieren. Ob dabei im einzelnen Fall militanter Barrikadenkampf, öffentlichkeitswirksame und symbolische Aktionen oder Aufklärungsarbeit die richtigen Mittel sind, das müssen Antifas immer wieder neu diskutieren und ausprobieren.

Zum Weiterlesen:

  • Mirja Keller u.a.: Antifa. Geschichte und Organisierung, 2011,
    12 Euro.
  • Antifaschistisches Infoblatt (online)
  • Bernd Langer: Antifa – Geschichte einer linksradikalen Bewegung,
    2014 & Kunst und Kampf, 2016, jeweils etwa 19 Euro.
  • Herausgeber*innenkollektiv: Fantifa: Feministische Perspektiven
    antifaschistischer Politik, 2013, 13 Euro.

Wenn ihr Lust habt, euch mit anderen zusammenzuschließen und gemeinsam Antifa-Politik zu machen, dann haben wir hier ein paar Dinge zusammengetragen, auf die ihr achten könnt:

  • Member of the famous Antifa: Sucht euch Leute, die Lust haben
    mit euch antifaschistisch aktiv zu werden.
  • Sucht euch einen Raum, in dem ihr euch regelmäßig treffen könnt, um euch auf Demos oder anderes vorzubereiten.
  • Überlegt euch, was ihr als Gruppe bei euch vor Ort mittel- und langfristig erreichen möchtet. Vielleicht steht mal wieder ein AfD-Infostand in der Fußgängerzone an und möchte abgeschirmt werden? Ein Landrat redet viel rechten Scheiß und freut sich über ein Transparent vor seinem Büro? Ein großes Unternehmen macht Geschäfte mit der Abschottung gegen Migrant*innen und wurde noch nie mit einer Flugblattaktion gewürdigt? Na dann…Alle Ebenen: Die Bandbreite möglicher Antifa-Aktionen istgroß. Und so sollte sie auch ausgeschöpft werden! Empfehlen sichetwa für die Blockade eines Nazi-Aufmarschs eher Sonnenbrillen und schwarze Regenjacken, bringt es an anderer Stelle vielmehr„zivil“ aufzutreten. Es ist eure Taktik, wählt sie bewusst!
  • In die Presse! Auch wenn linker Protest und rechte Bewegungen gerade mal wieder in einem Artikel gleichgesetzt worden sind, Medien sind nicht der Feind antifaschistischer Organisierung. Stellt vor allem vor Aktionen eine (anonyme) Mail-Adresse oder Telefonnummer für Journalist*innen zur Verfügung, und sucht aktiv den Kontakt zu euren Medienvertreter*innen vor Ort. So reden sie mit euch, statt nur über euch.
  • Vernetzung: Ob bei euch vor Ort, in der weiteren Region oder gleich bundesweit – für jedes Vorhaben, ob Einzelaktion oder langfristige Kampagne, gibt es mögliche Bündnispartner*innen.
  • Vernetzt euch, denn gemeinsam seid ihr stärker! Viele Antifas organisieren überregionale Antifa-Camps, bei denen ihr viele Gleichgesinnte treffen könnt.
  • Seid selbstkritisch: Falls euer Zusammenschluss etwa nur aus weißen Mittelstand-Kids besteht, fragt euch ruhig, ob ihr womöglich Barrieren für andere Leute aufbaut, die euch selbst gar nicht auffallen.
  • Schützt euch und eure Struktur: Der Staat und auch Nazis sind immer interessiert daran, was Antifa-Gruppen so treiben. Wer in der Gruppe aktiv ist, das müssen also nicht alle wissen. Vielleicht wolltet ihr euch eh schon immer mal ein cooles Pseudonym zulegen? Informiert euch über Repressionen und überlegt euch, wie ihr im Fall der Fälle für einander da sein könnt. Immer eine gute Adresse ist die Rote Hilfe e.V.
  • Achtet auf euch und eure Freund*innen: Antifaschismus ist wichtig, kann aber mitunter auch viel Energie kosten. Ihr könnt in regelmäßigen Emo-Runden darüber sprechen, wie es euch mit der politischen Arbeit geht oder über das, was auf der letzten Demo passiert ist, und euch gegenseitig unterstützen. Das hilft auch die Motivation zu behalten weiterzumachen.
  • Informiert euch über sichere Kommunikation. E-Mail-Verschlüsselung mit „PGP“ oder die Messenger-Alternative „Signal“ könnt ihr euch mit minimalem Aufwand aneignen.
  • Hin und wieder lohnt es sich, den einen oder anderen Euro bei einer Soli-Party oder einer inhaltlichen Veranstaltung einzusammeln. Stoff für Transparente, Farbe, Plakate – all das muss nun mal auch bezahlt werden. Stiftungen oder die ASten an Unis geben auch manchmal Geld für sinnvolle politische (Hochschul-)projekte.


(Bild: SMAC-Film)

„Wo bleibt die RAF, wenn man sie braucht?“ Martin Sonneborn schaltet sich im SaZ-Interview in Merkel-Nachfolgedebatte ein

(Bild: SMAC-Film)

Ein Gespräch mit dem Satiriker Martin Sonneborn (Die Partei, MdEP, Herausgeber Titanic)

(Vorabdruck aus der Straßen aus Zucker #14, hier zur gesamten Ausgabe als pdf)

Herr Sonneborn, wir sind kritisch, haben aber auch ein paar harmlose Fragen mittendrin eingebaut, quasi als Wohlfühlinseln. Und steigen mal mit einer Schmeichelei ein: Wir nehmen die „Partei“ als einen zentralen antifaschistischen Akteur wahr, ihre Plakate beziehen oft klar Stellung. Und wenn man sich den Erfolg anderer Satireparteien in Europa anschaut, gibt es ja auch gute Gründe, den Platz links zu besetzen. Aber müsste man, wenn es gegen die Faschisierung geht, nicht zu stärkeren Mitteln als Klamauk und Satire greifen?

Doch, natürlich. Aber wird das mit den Wohlfühlinseln auch gedruckt?

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HamburgHamburgYeah, Krawall & Remmidemmi

Argumentationshilfen zu ein paar gewaltigen Protesten

Alle Jahre wieder gibt es sie: Gipfeltreffen, Bundesparteitage oder Naziaufmärsche, die „von gewalttätigen Protesten begleitet” werden, wie es dann so schön in den Nachrichten heißt. So auch in Hamburg im Juli 2017. Zum G20-Gipfel versammelten sich die Merkels, Trumps, Erdogans und weitere Staatsoberhäupter der „wichtigsten Industrie- und Schwellenländer” zwei Tage lang und inszenierten rund um die neu erbaute Elbphilharmonie zu den Klängen von „Freude, schöner Götterfunken” Verhandlungen über die Verwaltung der Welt. Danach rückten vor allem die Bilder teils militanter Gegenproteste in den Fokus der Öffentlichkeit: Abgefackelte Fiat Puntos, brennende Barrikaden und ein geplünderter REWE. Neben den wenigen sachlichen Analysen dieser „Randale” reichte die Bandbreite der Einschätzungen von gruseligen Vergleichen, wie „Es war der Holocaust” (eine Anwohnerin), bis zu eher gelangweilt vorgetragenen Hinweisen, die „Krawalle” seien doch letztlich unpolitisch. Weiterlesen →

Heaven knows I’m miserable now…

Was die Sorge für eure Mitmenschen mit dem Kapitalismus zu tun hat

Möchtet ihr nicht auch manchmal auf dem Pausenhof, im Büro oder im vollen Vorlesungssaal aufstehen und schreien? Oder heulen? Weil die Arbeit nervt, die Uni nervt, die Schule nervt, die Ausbildung nervt, das Jobcenter nervt? Aber: (negative) Gefühle im öffentlichen oder halb-öffentlichen Raum ausleben, das geht irgendwie nicht. Mit der Zeit lernen wir nämlich ziemlich gut, dass bestimmte Gefühle ‚draußen‘ nichts zu suchen haben. Für diese Gefühle – sei es Stress in der Schule oder Scheiß-Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus, die manche von uns jeden Tag machen – ist in der Öffentlichkeit wenig Platz. Denn es wird von Euch erwartet zu funktionieren. Ihr dürft zum Beispiel nicht mal eben bei der Arbeit blaumachen, weil euch jemand das <3 gebrochen hat. Die Gefühle, verbannt aus der Öffentlichkeit, sind damit nicht unbedingt aus der Welt. Sie holen uns im Privaten wieder ein und finden da ihren Ausdruck. Im besten Fall bekommen wir dort Unterstützung durch andere Menschen, im schlechteren Fall sind wir allein. Wir finden, dass auch diese Verbannung der Gefühle ins Private was mit dem Kapitalismus zu tun hat und genauso kritisiert gehört. Denn mal ehrlich, uns solls gut gehen, aber nicht damit wir besser arbeiten können, sondern damit wir ein schöneres Leben haben! Weiterlesen →

Feelings Never Lie?

Gefühle gehören rein in die Politik, Gefühle gehören raus aus der Politik

„Du weißt doch gar nicht, wie sich das anfühlt!“: Das ist ein Satz, den man in persönlichen wie auch in politischen Diskussionen manchmal zu hören bekommt. Wenn frau versucht, einem männlichen Freund zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn ihr auf der Straße hinterher gepfiffen, sie angestarrt oder angegrabscht wird. Dass das nicht nur nervig ist, sondern unter Umständen den ganzen Tag Gefühle von Unsicherheit, Scham, Angst oder auch unbändiger Wut mit sich bringen kann. Oder wenn eine deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund versucht ihren kartoffeligen Freunden zu beschreiben, warum der Satz „Wo kommst du denn eigentlich her?“ nicht nur dumm ist gegenüber einer, die in Bielefeld geboren wurde, sondern sich immer wieder nach Ausschluss anfühlt, nach Fremdgemachtwerden und nach Bedrohung. Und nein, niemand weiß wirklich, wie sich etwas für einen anderen Menschen anfühlt. Das stellt uns als Kritiker_innen der Gesellschaft vor Schwierigkeiten, denn aus ihren emotionalen Erfahrungen ziehen ziemlich viele Leute politische Schlüsse. Weiterlesen →